„Wissenschaft ist wie Kunst – grenzenlos“: Prof. Dr. Alexander Meissner

Prof. Dr. Alexander Meissners bemerkenswerte Karriere umfasst 9 Jahre Lehre an der Harvard University, 10 Jahre als Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik in Dahlem und die Mitgründung des Gesundheitsunternehmens Harbinger Health – um nur mal ein paar Eckpunkte zu nennen. Mehr über sein hochrelevantes Forschungsgebiet, die Epigenetik, und sein modernes Verständnis von Wissenschaft und Lehre erzählt er in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf – 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten“ (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Hier ein Ausschnitt aus dem Interview.

Titelbild: Sándor Fülöp / Max-Planck-Institut für molekulare Genetik

Prof. Meissner, würden Sie Ihre Laufbahn noch einmal etwas ausführlicher schildern?

Zuerst wollte ich Diplom-Ingenieur werden, später Patentanwalt in der Familienkanzlei. An der Technischen Universität (TU) Berlin habe ich Medizinische Biotechnologie studiert. Bei Praktika in kleinen Bio-Tech-Unternehmen in München und Berlin, dreimonatigen Einsätzen im Weizmann-Institut in Israel und im Cancer Center of Hawaii, O’ahu, habe ich aber gemerkt, dass mir die Forschung mehr liegt. Während meine Karriere bis zu dem Zeitpunkt noch recht entspannt und rein nach Interesse verlief, erlebte ich in den U.S.A. ein anderes Tempo, einen Hunger nach Wissen, der mich inspiriert hat. Ich entschied mich zu promovieren. 2006 habe ich meinen Doktor am Whitehead Institute in Cambridge gemacht, danach kurz erwogen, ein Jobangebot von der Patentanwaltskanzlei Morgan and Finnegan in New York anzunehmen. Doch mein Doktorvater Rudolf Jaenisch schlug eine akademische Karriere vor. Das war ein Wendepunkt in meiner Karriere, und es ging dann recht schnell von der Postdoktorandenstelle am Massachusetts Institute of Technology (MIT) zum ersten Job ab 2008 als Assistant Professor in der Abteilung für Stammzellen und Regenerative Biologie an der Harvard University, wo ich es bis zum Professor auf Lebenszeit brachte. Im Jahr 2016 kam der Ruf als Direktor an das Max-Planck-Institut für molekulare Genetik, dem ich zunächst im Nebenamt und 2017 im Hauptamt folgte.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit der Zeit in Harvard?

Ich habe viel unterrichtet, was sehr arbeitsintensiv war. Aber man lernt dabei auch selbst noch einmal viel dazu. In Harvard wird man als Professor von den Studierenden bewertet. Dadurch strengt man sich mehr an, ein motivierender und inspirierender Lehrer zu sein. Und daraus ergibt sich wiederum eine andere Art zu unterrichten als die, die ich in den Vorlesungen an der TU Berlin erlebt habe. Statt Frontalunterricht wird Wert auf Interaktion gelegt. Ich versuche, diese Lehrmethoden in meinen Masterkursen an der Freien Universität Berlin, die ich als ehrenamtlicher Honorarprofessor gebe, einzubringen. Mal halte ich eine Vorlesung nur mit Tafel und Kreide, um von den Powerpoint-Präsentationen wegzukommen, mal stelle ich bis zu einem Dutzend Fragen, damit die Studierenden nicht nur passiv dasitzen. Ich versuche rüberzubringen, dass das, was wir im Labor machen, im realen Leben relevant ist, und erzähle spannende Fälle aus meiner Firma.

Wie sind Sie auf Ihr Forschungsthema, die Epigenetik, gestoßen?

Als ich 2001 nach Cambridge kam, wurde gerade das menschliche Genom entschlüsselt. Eine spannende Zeit! Doch schnell wurde klar, dass die DNA-Sequenz alleine nicht erklären kann, wie sich Zellen im Guten und Schlechten verändern. Es gibt darüber hinaus verschiedene chemische Prozesse wie die Methylierung, die wir unter dem Begriff Epigenetik zusammenfassen. Erst durch sie ist es möglich, dass wir Menschen zwar eine ähnliche Anzahl an Genen wie eine Fliege haben, sie aber zu viel komplexeren Kombinationen zusammensetzen können. Obwohl wir diese Zusammenhänge damals noch gar nicht richtig verstanden haben, klangen sie spannend und ich habe den richtigen Riecher gehabt, auf dieses Zukunftsthema aufzuspringen. 25 Jahre später hat das Thema Methylierung einen großen Einfluss auf die Krebsdiagnostik und Altersforschung. Die Firma Harbinger Health aus Cambridge, Massachusetts, deren Mitgründer ich bin, nutzt die Erkenntnisse bei der Entwicklung von Bluttests zur Früherkennung von Krebs. Noch ist nicht klar, ob sie auch zur Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten beitragen können. Vielleicht müssen wir gar nicht mehr mit der Chemotherapie und ihren massiven Nebenwirkungen ansetzen, wenn wir so früh diagnostizieren können. Auch korreliert die Methylierung mit dem Alter. Man kann es bis auf ein, zwei Jahre genau bestimmen, wenn man den Grad der Methylierung kennt. Ein neuer wissenschaftlicher Trend beschäftigt sich mit der Frage, ob es gelingen kann, die Zellen zu resetten oder zu reprogrammieren, um eine Verjüngung zu erzielen.

Gibt es nach Harvard überhaupt noch Ziele für einen Wissenschaftler?

Die besten deutschen und europäischen Wissenschaftler gehen nach Cambridge und das hat natürlich Einfluss auf das Forschungsumfeld, das in Deutschland zurückbleibt. Doch es gibt auch Vorteile gegenüber den U.S.A. Man hat hier als Wissenschaftler direkten Zugang zur Politik. Politiker wie der ehemalige Regierende Bürgermeister Michael Müller, aber auch der aktuelle, Kai Wegner, und viele Bundestagsabgeordnete sind sehr an der Forschung interessiert. Es dauert zwar alles länger als erhofft, auch weil Krisen Geld aus der Forschung abziehen, aber Berlin hat als Forschungsstandort auf jeden Fall Potenzial. Man muss einen Slogan auch mal weiterentwickeln, und so könnte die Fortsetzung von „arm aber sexy“ zum Beispiel „dynamisch und sexy“ heißen. Als Führungskraft lautet meine Philosophie: Was wir seit 20 Jahren „schon immer so gemacht haben“, sollten wir auf jeden Fall verändern. Ich will damit nicht sagen, dass die früheren Vorgehensweisen schlecht waren. Nur würde man sich doch heute auch kein älteres Mercedes-Modell mehr kaufen, obwohl das natürlich auch schon sehr gute Autos waren, sondern die Vorteile der modernen Technologie nutzen wollen. Ich lasse gerade in unseren Führungsbüros Glastüren einsetzen. Die Mitarbeitenden sollen sehen, was im Management passiert. Diese Einblicke sind für die Motivation ungemein wichtig.

Was ist aktuell die größte Herausforderung für Sie?

Eine nächste Generation von Wissenschaftlern heranzuziehen, die ähnlich wissenshungrig ist und ihrem Instinkt folgt wie meine Generation. Als ich meine Doktorarbeit schrieb, war ich dankbar, soviel arbeiten zu dürfen, wie ich wollte: 60, 70 Stunden die Woche verteilt auf sieben Wochentage. Niemand hat uns Druck gemacht, wir hatten einfach einen Riesenspaß! Das hat sich international gewandelt, Work-Life-Balance wird auch in der Wissenschaft gefordert, die Frage, ob Zeiterfassungsgesetze zu uns passen, diskutiert. Ich denke, man sollte es uns selbst überlassen, wie wir arbeiten möchten. Es muss die Option geben, weniger zu machen, ohne dadurch Nachteile zu haben, aber auch die Freiheit, sich seine Arbeits- und Pausenphasen selbst einzuteilen. Für mich ist Wissenschaft wie Kunst und kann nur in einem grenzenlosen Bereich funktionieren. Genauso wenig wie Kreativität um 9 Uhr auf Knopfdruck anspringt und um 17 Uhr abgeschaltet werden kann, kann man Forschungsideen nach der Uhr entwickeln. Man muss in einen Zustand der gedanklichen Abwesenheit hineinkommen, in dem der Geist Gedankenblitze überhaupt erst hervorbringen kann.

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Das vollständige Interview mit Prof. Dr. Alexander Meissner, Wissenschaftlicher Direktor am
Max-Planck-Institut für molekulare Genetik, lest ihr in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf – 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten“ (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Darin berichtet er:

  • Welche Bedingungen im Max-Planck-Universum die Forschung erleichtern
  • Welche Erfahrung aus seinem Berufsleben er gerne noch einmal machen möchte
  • Wie er Arbeit und Privatleben vereinbart, aber nicht trennt
  • Warum ihm die Komplexität des menschlichen Körpers keine Angst macht

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Seit 25 Jahren publiziert der Verlag Elmar Zinke unter dem Titel „Edition Profile“ Portraitbände über ausgewählte Persönlichkeiten und Geschäftsleute in einem bestimmten Einzugsbereich, deren Arbeit die Stadt oder Region prägt und Wertschätzung verdient. Die Serie umfasst rund 200 hochwertige Kunstdrucke mit Ledereinband und Fadenbindung, die in einer Manufaktur gefertigt werden und eine Sammlerzielgruppe ansprechen.

Der Interviewband „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ von Maja Roedenbeck ist neu nicht bei Amazon und anderen Onlinebuchshops erhältlich (gebraucht einige Zeit nach der Veröffentlichung erfahrungsgemäß schon), kann jedoch unter der ISBN-Nummer 978-3-941294-98-1 in jeder Buchhandlung bestellt werden. Oder direkt bei mir anfragen: redaktion[at]maja-roedenbeck.de