„Effizienz und gesellschaftliches Handeln sind keine Gegensätze“: Christoph Henze

Nach zwei Jahrzehnten internationaler Karriere in Führungsfunktionen bei global tätigen Unternehmen hat sich Christoph Henze in Berlin-Steglitz niedergelassen und die Foundatio E. F. GmbH gegründet – eine Managementberatung, die wirtschaftliches Denken mit gesellschaftlicher Verantwortung verbindet. Seine Dienstleistungen richten sich an Stiftungen, Non-Profit-Organisationen und gemeinwohlorientierte Start-ups. Warum Heimatverbundenheit und die weite Welt, die Wirtschaft und das gemeinnützige Umfeld gar nicht so weit auseinanderliegen, erzählt er in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“: 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Einen Auszug aus dem Interview könnt ihr hier lesen.

Foto: Nils Hasenau

Hat sich bereits in Ihrer Kindheit abgezeichnet, dass Ihre Karriere Sie um die Welt führen würde?

Mein Interesse am Ausland entstand sehr früh, auf einer Sprachreise nach Southend-on-Sea in England, die mir meine Großmutter als Teenager ermöglichte. Es war das erste Mal, dass ich auf mich alleine gestellt war, in einem fremden Land mit jungen Menschen aus anderen Kulturen. Seither hat sich eine Offenheit für andere Länder, Sprachen und Kulturen wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen. Ich verbrachte u. a. längere Zeit in Brasilien und Neuseeland, lebte in Familien, belegte Sprachkurse und suchte den Alltag und nicht so sehr das Touristische. Sprache war für mich die Verbindung zwischen Menschen und anderen Denkweisen.

Mir war früh klar, dass ich mich für den Finanzbereich bzw. für wirtschaftliche Zusammenhänge interessiere. Daher entschied ich mich für eine Ausbildung als Sparkassenkaufmann. Während des anschließenden Wehrdienstes zeichnete sich ab, dass ich nicht in die Sparkasse zurückkehren würde – nicht aus Unzufriedenheit, sondern aus dem Wunsch nach Weiterentwicklung. Bevor ich mein Studium der Betriebswirtschaftslehre in Bayreuth aufnahm, verbrachte ich sieben Monate in Spanien. Praktika in einer Sprachschule und bei einer Bank dort gaben mir Einblicke in den Umgang mit Sprache und kulturellen Unterschieden im Berufsalltag.

Während des Studiums habe ich nochmals ein Erasmus-Jahr in Madrid verbracht. Für meine Diplomarbeit zum Thema „Möglichkeiten der Unternehmenskulturübertragung eines deutschen Großunternehmens nach Spanien“ habe ich Führungskräfte bei Bertelsmann befragt und die These herausgearbeitet, dass es möglich ist, Unternehmenskultur von Deutschland nach Spanien zu übertragen – Internationalisierung funktioniert allerdings nur, wenn Werte konsistent bleiben.

Wie verlief Ihr Berufseinstieg?

Mein beruflicher Einstieg führte mich in den Marketing- und Vertriebsbereich des Industrieunternehmens Rehau, Dienstreisen nach Spanien und Lateinamerika waren fester Bestandteil meines Arbeitsalltags. Ich verbesserte mein Wirtschaftsspanisch bis zur Verhandlungssicherheit und sammelte Erfahrungen in der Unternehmensprüfung. Diese bereiteten mich sehr gut auf meine spätere Tätigkeit in der Revision bei Schering vor, wo ich sechs Jahre gearbeitet und Prüfungen in Lateinamerika durchgeführt habe.

Als Schering von Bayer übernommen wurde, bekam ich das Angebot, zunächst als Finanzleiter und später als Geschäftsführer die ukrainische Tochtergesellschaft zu übernehmen. Die Verantwortung war groß – in meiner Zeit vor Ort wuchs das Unternehmen von 220 auf knapp 500 Mitarbeitende – mein anfängliches Zögern, in die Ukraine zu gehen, lag vor allem an der geografischen Nähe zu Tschernobyl und der damit verbundenen gesundheitlichen Ungewissheit. Ich war frisch verheiratet und wir planten eine Familie. Wir haben den Schritt gemeinsam gewagt und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Wie kamen Sie mit den kulturellen Unterschieden in der Ukraine zurecht?

Ich begegnete einer Unternehmenskultur, die stark auf Hierarchien ausgerichtet war. Entscheidungsstärke wurde von Führungskräften ausdrücklich erwartet. Meine Erfahrungen bei der Bundeswehr halfen mir dabei, Führung zu entwickeln, die nicht nur Orientierung gab, sondern auch Vertrauen aufbaute. Das Land war höchst korrupt und es gab Situationen, in denen man uns schnelle Lösungen gegen finanzielle Zuwendung anbot – wir lehnten immer ab.

In meine Zeit in der Ukraine fielen auch die Annexion der Krim und die Spannungen rund um Donezk und Luhansk. Viele Expats verließen aufgrund der großen politischen Umbrüche für eine Weile das Land. Ich entschied mich – aus Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden – zu bleiben. Für so eine Situation gibt es kein Lehrbuch, sondern nur einen eigenen inneren Kompass, der mich rational handeln ließ.

In Krisenzeiten bekommt Führung eine ganz andere Bedeutung. Es geht nicht um wirtschaftliche Stabilität, sondern um das Wohlergehen der Menschen – zum Beispiel um rechtzeitige Gehaltszahlungen an die Mitarbeitenden in den besetzten Gebieten. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit vierzig männlichen Kollegen, die erwarteten, dass ich als Geschäftsführer ein offizielles Schreiben zur Vermeidung des Wehrdienstes an die Behörden aufsetzte. Ich musste ihnen erklären, dass wir als Firma neutral bleiben müssen, und dass ich persönlich der Überzeugung bin, dass es legitim ist, sein Vaterland zu verteidigen. Wir haben letztendlich einen Kompromiss gefunden, der niemanden bloßstellte und dennoch unsere Haltung wahrte. Insgesamt blieb ich mit meiner Familie acht Jahre lang in der Ukraine, danach ging es für drei Jahre nach Costa Rica, eine völlig andere Welt.

Welche Unterschiede haben Sie zwischen der Ukraine und Costa Rica erlebt?

Costa Rica war ein Kontrast – sowohl kulturell als auch kommunikativ. Ich kam nun in ein Umfeld, in dem Konsens und Partizipation am Wichtigsten waren. Man wollte eingebunden werden und Entscheidungen gemeinsam erarbeiten. Es hat etwas gedauert, bis ich gelernt hatte, dass dadurch nicht unbedingt alles länger dauern muss. Ich suchte neue Arbeitsformen und arbeitete abseits der klassischen Bürosituation auch gerne in schönen Cafés, in denen die Gespräche offener, persönlicher und produktiver wurden. Costa Rica war eine wertvolle Schule in Sachen Empathie und moderner Führung.

Ein einschneidendes Erlebnis war, als mein Team mir sagte, es käme mit meiner Arbeitsweise – E-Mails mit Aufträgen um fünf Uhr morgens zu verschicken – nicht klar. Ich nahm die Rückmeldung ernst, engagierte einen Coach, begab mich ganz bewusst auf Dienstreise und bat ihn, eine unabhängige Einschätzung meines Führungsverhaltens einzuholen. Das Ergebnis waren drei DIN A4-Seiten Feedback. Ich ging in den Austausch mit meinem Team über Erwartungen und Arbeitsrhythmen. Das Ergebnis war ein neues Miteinander. Ich glaube, dass Führung ohne Selbstreflexion nicht möglich ist.

Ist es schwer, nach einer so abwechslungsreichen Lebensphase wieder zur Ruhe zu kommen?

Zunächst einmal bin ich sehr dankbar für die Erfahrungen, die ich machen durfte. Ich genieße es aber sehr, heute in einem anderen Rhythmus zu leben und zu arbeiten. Die Zeit im Ausland war körperlich und geistig intensiv. Reisen mit eng getakteten Zeitplänen, wechselnden Zeitzonen, Höhen- und Sicherheitslagen waren mein Alltag. Man kommt gar nicht dazu, die Erfahrungen, die man macht, zu reflektieren.

Wer über Jahre hinweg aus dem Koffer lebt, verliert mit der Zeit einen Teil seiner Wurzeln. Ich bin in einem behüteten, ländlich geprägten Umfeld in der Nähe von Hannover aufgewachsen, in einem Haus voller Bücher – meine Eltern waren beide Bibliothekare – und mit vielen Gesprächen. Ich kehre immer wieder gerne in mein Elternhaus zurück. Gleichzeitig hat sich mein Blick durch die vielen Jahre im Ausland gewandelt, und ich betrachte mich inzwischen weniger als Hannoveraner oder Deutscher, sondern vielmehr als Europäer.

Welche Unternehmensziele verfolgen Sie mit Ihrer Managementberatung?

Mit der Foundatio habe ich eine Beratungsplattform geschaffen, die auf dem Prinzip „Wachstum aus den Wurzeln heraus“ beruht – symbolisiert durch das Baum-Logo. Es steht gleichzeitig für Stabilität und Entwicklung. Mich interessiert, wo wirtschaftliche Verantwortung gesellschaftliche Wirkung ermöglicht und eben nicht bei der Bilanz endet.

Was meine Projekte verbindet, ist die Sinnhaftigkeit der Mission. Ob ich ein technologieorientiertes Start-up berate oder mich in der Robert-Koch-Stiftung für den medizinischen Fortschritt engagiere – ich mache das aus Überzeugung. Letztendlich hat das Management überall dieselben Aufgaben: Entwicklungsstrategien definieren und die gesetzten Ziele in erreichbare Teilschritte untergliedern. Auch mal unpopuläre Entscheidungen treffen, um die Zukunftsfähigkeit zu sichern. Und sich selbst als Gründer oder Geschäftsführer reflektieren, ob man innerlich bereit ist, den Wendepunkt als solchen zu erkennen und das nächste Level zu erklimmen. Wenn ich diesen Gedanken in den nächsten fünf Jahren an eine Handvoll Stiftungen weitergeben kann, bin ich schon zufrieden.

Weiterlesen

Das vollständige Interview mit Christoph Henze, Gründer und Geschäftsführer der Managementberatung Foundatio, lest ihr in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“: 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Darin berichtet er:

  • Was er als Kind werden wollte
  • Was er mit Berlin-Steglitz verbindet
  • Mit welcher Art von Events er das Teambuilding gefördert hat
  • Welche Leistungen seine Managementberatung konkret anbietet

Buchbestellung

Seit 25 Jahren publiziert der Verlag Elmar Zinke unter dem Titel „Edition Profile“ Portraitbände über ausgewählte Persönlichkeiten und Geschäftsleute in einem bestimmten Einzugsbereich, deren Arbeit die Stadt oder Region prägt und Wertschätzung verdient. Die Serie umfasst rund 200 hochwertige Kunstdrucke mit Ledereinband und Fadenbindung, die in einer Manufaktur gefertigt werden und eine Sammlerzielgruppe ansprechen.

Der Interviewband „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ von Maja Roedenbeck ist neu nicht bei Amazon und anderen Onlinebuchshops erhältlich (gebraucht einige Zeit nach der Veröffentlichung erfahrungsgemäß schon), kann jedoch unter der ISBN-Nummer 978-3-941294-98-1 in jeder Buchhandlung bestellt werden. Oder direkt bei mir anfragen: redaktion[at]maja-roedenbeck.de