„Wir waren Exoten, wurden aber freundlich behandelt“: Jürgen Steltzer

Jürgen Steltzer hat nie gezählt, wie viele Länder er im Rahmen seiner internationalen Karriere bereist hat, aber es waren viele. Er war Referatsleiter Staatsbesuche beim Auswärtigen Amt, Generalkonsul in Göteborg und Saratow, Stellv. Chef des Protokolls der Bundesregierung und Botschafter in Abu Dhabi. Welcher Einsatz ihn am meisten geprägt, erzählt er in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“: 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Hier ein Ausschnitt aus dem Interview.

Haben Sie sich schon in Ihrer Jugend für andere Länder und Kulturen interessiert?

Ich bin 1942 auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs in Hannover geboren. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich es spannend fand, mit vielen Menschen im Bombenbunker zu sitzen. Sie ließen sich gerne von einem Knirps wie mir von den Detonationen draußen ablenken und fanden es lustig, wenn ich fragte: „Ist das Holzbein echt?“ Mit meinem Großvater, der nach dem Krieg der erste Ministerpräsident in Schleswig-Holstein wurde, habe ich mich schon als Schüler über Politik unterhalten.

Und in der Tat hatte ich früh erste Berührungspunkte mit anderen Kulturen. Mein Vater gehörte zur ersten Mannschaft im neuen Auswärtigen Dienst, als Konrad Adenauer noch Außenminister und Bundeskanzler in Personalunion war. Als ich acht Jahre alt war, kam er auf seinen ersten Posten in Pretoria, Südafrika. Danach ging es nach Indien. Meine Schwester, die leider schon verstorben ist, fand es furchtbar, immer wieder aus ihrem Freundeskreis gerissen zu werden, aber mir machte es nichts aus. Ich habe insgesamt elfmal die Schule gewechselt! Als ich studierte, war mein Vater Botschafter in Ghana, wo ich ihn in den Semesterferien besuchte.

Haben Sie von Anfang an eine Karriere im Auswärtigen Dienst angestrebt?

Ich selbst wurde nach meinem Jurastudium an der Freien Universität Berlin zunächst Journalist, bevor ich die Laufbahn als Diplomat einschlug. Ich habe als Redakteur für die Frankfurter Rundschau und den Hessischen Rundfunk gearbeitet und war Gründungsredakteur beim Mittagsmagazin „passiert-notiert“. Nach vier Jahren im Journalismus lernte ich bei einem Empfang den Leiter der Auslandsabteilung des Bundespresseamtes kennen. Das Bundespresseamt durfte ein Drittel der Pressereferentenstellen in den Auslandsvertretungen mit seinen eigenen Leuten besetzen. Und so wurde ich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, eine Pressestelle zu übernehmen.

„Wir hätten gerne mal einen Profi“, sagte der Leiter der Auslandsabteilung – denn viele andere Pressereferenten waren Beamte ohne Erfahrung im Journalismus. Ich antwortete: „Warum nicht?“, reichte aber dann doch keine Bewerbung ein, weil ich beim Hessischen Rundfunk eigentlich zufrieden war. Dennoch bekam ich wenig später einen Anruf: „Wir beabsichtigen, Sie in zwei Wochen nach Rangun, Burma (heute: Yangon, Myanmar), zu schicken!“ So schnell ging das zwar nicht, denn ich hatte schließlich eine Kündigungsfrist und wurde noch zwei Wochen im Bundespresseamt und zwei Wochen in der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts eingewiesen, aber dann ging es los! Das waren noch andere Zeiten damals, man reiste mit Propellermaschinen, die zwei Tankstopps auf dem Weg nach Asien einlegen mussten.

Welche Erinnerungen haben Sie an diesen ersten Einsatz?

Burma ist mir als sehr interessantes Reiseland in Erinnerung geblieben: die historischen Tempel in den alten Königsstädten Mandalay und Bagan sind beeindruckend. Doch es ist auch ein vom Bürgerkrieg gebeuteltes Land. Als ich hinkam, war es noch nicht allzu lange unabhängig. Einmal erschoss die Militärregierung Studenten auf dem Unicampus. In der Folge gab es eine Ausgangssperre von 22 Uhr abends bis 5 Uhr morgens. Ich war noch Junggeselle, und wenn ich auf eine Expat-Party ging, musste ich mir überlegen, ob ich es vor 22 Uhr noch schnell nach Hause schaffen würde oder die Nacht bis fünf Uhr durchfeiern wollte. Wenn man sich während der Ausgangssperre auf der Straße aufhielt, konnte man erschossen werden.

Welches Land hat Ihnen am besten gefallen?

Das schönste Land von der Geografie und Kultur her, das ich bereist habe, ist Peru, die Wiege der südamerikanischen Hochkultur. Es umfasst 3.000 Kilometer Pazifikstrand, die beiden Andenketten mit dem Hochtal in der Mitte, in dem Cusco und Machu Picchu liegen, und auf der anderen Seite das Quelltal des Amazonas. Im Februar kann man in der Nähe von Lima bei hochsommerlichen Temperaturen im Meer baden und anschließend auf den Ticlio-Pass hinauffahren, auf dem es schneit!

Ich war in meiner Funktion als Kulturreferent dort und besuchte unter anderem eine Urwalduniversität in der Gegend, in der der Werner Herzog-Film „Fitzcarraldo“ gedreht wurde. Sie war auf Nutzpflanzen spezialisiert, die in extremem Klima wachsen. Ich habe versucht, eine Kooperation mit der Fakultät für Agrarwissenschaften der Universität Hohenheim auf den Weg zu bringen. Wir haben auch immer ein gastfreies Haus geführt und Einheimische zu uns eingeladen, um möglichst viel mit der örtlichen Kultur in Berührung zu kommen. Nach Peru wurde ich nach Lagos in Nigeria versetzt – damals war es die Hauptstadt, heute ist das Abuja.

Und bei welchem Einsatz waren die Aufgaben am spannendsten?

Von den Aufgaben her am spannendsten – wenn auch nicht leicht – war meine Zeit als Generalkonsul in Saratow in der Russischen Föderation. Saratow liegt an der mittleren Wolga, im früheren Zentrum der Deutschen Sozialistischen Wolgarepublik. Durch die Bemühungen von Katharina, der Großen, war es zum Kernland der deutschen Einwanderung geworden. Sie hatte deutsche Siedler ins Land geholt, die die Steppe an der Wolga urbar machen sollten.

Das dortige Deutsche Konsulat wurde erst nach dem Zerfall der Sowjetunion eingerichtet. Vorher hätte es keinen Sinn gemacht, mit den örtlichen Autoritäten Kooperationsgespräche zu führen, denn die Sowjetunion war ein eisenharter Zentralstaat und alle Entscheidungen für die Provinzen wurden in Moskau getroffen. Daher gab es zuvor nur ein einziges Generalkonsulat in Leningrad bzw. St. Petersburg – in einem Land, das heute noch flächenmäßig doppelt so groß ist wie die U.S.A., wo wir acht Generalkonsulate unterhalten!

Was war Ihre Hauptaufgabe in Saratow?

Meine Aufgabe war es, das Generalkonsulat in Saratow aufzubauen, das – wie es in großen Flächenstaaten üblich ist – mit ähnlichen Aufgaben wie eine Botschaft betraut ist: Visaerteilung, Förderung der wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit, Beobachtung der örtlichen Verhältnisse. Wir haben aber zum Beispiel auch Stipendien vergeben und Studierende beraten, die in Deutschland studieren wollten. Ich habe alle Universitäten die Wolga rauf und runter besucht – von Lenins Geburtsort Uljanowsk bis Astrachan am Kaspischen Meer.

Zu meinen Hauptaufgaben gehörte es auch, Beziehungen zu der neuen Elite aufzubauen. Zu Beginn unserer Aufbauarbeit war Saratow wegen zahlreicher Rüstungsbetriebe eine für Ausländer seit zwei Generationen gesperrte Stadt. Wir waren deshalb für die Russen Exoten, wurden aber freundlich behandelt.

Politisch war es eine spannende Zeit, denn es sah kurz so aus, als würde sich Russland zu einer Demokratie entwickeln. Es war praktisch über Nacht ein anderer Staat geworden. Michail Gorbatschow war weg vom Fenster, Boris Jelzin stellte sich gegen die Putschisten. Die baltischen, kaukasischen und zentralasiatischen Sowjetrepubliken wurden selbstständige Staaten, denen Deutschland beistehen wollte, um funktionierende demokratische Strukturen zu schaffen. In der Russischen Föderation gab es plötzlich Pressefreiheit und Wahlen von Gouverneuren, Bürgermeistern und Dorfvorstehern. Die Lokalzeitungen in der Millionenstadt Saratow konnten Moskau auf eine Weise kritisieren, die heute undenkbar wäre.

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Das vollständige Interview mit Jürgen Steltzer, Botschafter a.D., lest ihr in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Darin berichtet er:

  • Welche Erfahrungen er als Botschafter in Abu Dhabi gemacht hat
  • Wie er und seine ebenfalls im Auswärtigen Dienst tätige Frau Beruf und Familie während der verschiedenen Auslandseinsätze vereinbart haben
  • Welche Experten-Tätigkeiten er nach dem Ende seiner offiziellen Berufslaufbahn noch wahrgenommen hat
  • Wohin er jetzt im Ruhestand gerne verreist
  • Warum die Mitarbeitenden des Auswärtigen Amtes ein eigener Menschenschlag sind

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Seit 25 Jahren publiziert der Verlag Elmar Zinke unter dem Titel „Edition Profile“ Portraitbände über ausgewählte Persönlichkeiten und Geschäftsleute in einem bestimmten Einzugsbereich, deren Arbeit die Stadt oder Region prägt und Wertschätzung verdient. Die Serie umfasst rund 200 hochwertige Kunstdrucke mit Ledereinband und Fadenbindung, die in einer Manufaktur gefertigt werden und eine Sammlerzielgruppe ansprechen.

Der Interviewband „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ von Maja Roedenbeck ist neu nicht bei Amazon und anderen Onlinebuchshops erhältlich (gebraucht einige Zeit nach der Veröffentlichung erfahrungsgemäß schon), kann jedoch unter der ISBN-Nummer 978-3-941294-98-1 in jeder Buchhandlung bestellt werden. Oder direkt bei mir anfragen: redaktion[at]maja-roedenbeck.de