Mutig sein, die eigene Komfortzone verlassen und in schwierigen Zeiten einen kühlen Kopf bewahren – das sind die Vorsätze, an denen Real Estate Economist Julian Bilek, Inhaber von JB Immobilien, sich in seiner Karriere orientiert. Wie ihm durch eine schwere Erkrankung schon in jungen Jahren klar wurde, dass das Leben nicht vorhersehbar ist und dass er darum auch im Arbeitsalltag selbst über seine Lebenszeit bestimmen möchte, erzählt er im Interview.
Wie kam es dazu, dass Sie Real Estate Economist wurden?
Ich habe mich immer dagegen gesträubt zu studieren und nach dem Abitur auf dem Herrmann-Ehlers-Gymnasium in Steglitz gleich angefangen zu arbeiten. Das Verhältnis zu meinen Eltern ist sehr gut, aber ich wollte unabhängig werden, mein eigenes Leben gestalten, und bin darum mit 18 ausgezogen. Meine ersten Jobs waren im Café und im Vertrieb, und als einige Kollegen auf die Idee kamen, ein Start up zu gründen, haben sie mich dafür rekrutiert.
Ich bin ins kalte Wasser gesprungen und habe bei „Immobilienchirurg“ meine ersten Schritte in der Branche getan. Sie entpuppte sich als spannendes, abwechslungsreiches Arbeitsfeld. Man hat die Möglichkeit, in verschiedenen Bereichen Fuß zu fassen: als Bauherr, Makler, in der Hausverwaltung, Projektentwicklung oder im Facility Management. Außerdem kann man, wenn man es richtig anstellt, viel Geld verdienen. Ich habe gemerkt: Immobilien sind mein Thema!
Gleichzeitig habe ich aber festgestellt, dass es in diesem Bereich viele Quereinsteiger gibt, die branchentypisch eher Selbstdarsteller sind als Mehrwert zu schaffen. Ich wollte mich durch Fachkenntnis abgrenzen, eine fundierte Ausbildung zum Immobilienkaufmann mitbringen, und habe die dann auch bei Grundbau Berlin absolviert. Mit meinem Ausbildungsunternehmen arbeite ich bis heute zusammen. Später habe ich noch ein Studium zum Real Estate Economist an der Akademie der Immobilienwirtschaft in Stuttgart drangehängt. Es gäbe auch die Möglichkeit, einen Master in Immobilienwirtschaft zu machen. Das habe ich zwar im Moment nicht vor, aber es ist gut, die Option zu haben, denn in Deutschland schauen die Leute gerne auf den Titel.
Unmittelbar nach Ende der Ausbildung wurde bei mir Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Ich habe es einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass ich wegen einer verkürzten Ausbildungsdauer durch mein Abitur und wegen verschobener Prüfungszeiten aufgrund von Corona meinen Abschluss machen konnte, bevor ich im anschließenden Urlaub eine Beule am Hals bemerkte. Bevor der Ärzte- und Krankenhausmarathon begann. Schon während der Prüfungsphase hatte ich gemerkt, dass mit meinem Körper etwas nicht stimmte. Ich litt an Schlaflosigkeit und Nervosität, was ich sonst auch in Stresssituationen nicht von mir kannte. Dennoch habe ich die Prüfung mit Bestnoten bestanden.
Wie hat die Krankheit Sie charakterlich geprägt?
Ich habe gelernt, dass man den Tag nutzen muss. Man ist selbst als junger Mensch nicht davor gefeit, auf dem OP-Tisch zu liegen und zu befürchten, dass man stirbt. Das war eine Herausforderung, aber auch ein Prozess, in dem ich mich mit mir selbst auseinandergesetzt habe. Ich komme aus einer sehr sicherheitsbewussten Familie. Mein Vater war Polizeibeamter, meine Mutter Friseurmeisterin. Sie haben ihr Leben auf klare Zahlen und nicht auf Chancen ausgerichtet, und die Tür lieber zweimal abgeschlossen.
Ich wollte mich nicht auf diese Weise deckeln lassen. Ich hatte zwar auch überlegt, zur Polizei zu gehen, bin aber zum Glück durch den Einstellungstest gefallen, weil ich mich nicht darauf vorbereitet hatte. Wenn man eine Laufbahn bei der Polizei einschlägt, weiß man heute schon genau, was man in vierzig Jahren maximal verdienen wird. Für mich ist dieses klassische Angestelltenverhältnis nichts. Ich möchte mit entsprechender Wertschätzung für meine tatsächliche Leistung und meine Erfolge vergütet werden und nicht für das, was ein Arbeitsvertrag mir vorschreibt.
Meinen Vater haben andere Dinge motiviert: anderen Menschen zu helfen, Autoritätsperson zu sein, die Staatsmacht durchzusetzen. Tatsächlich hat man im Immobiliengeschäft auch die Möglichkeit, anderen zu helfen. Ich habe schon einige Glücksmomente miterlebt, wenn ich jemandem, der keine Unterlagen hatte und der von einer großen Hausverwaltung sicher keine Wohnung bekommen hätte, eine Chance geben konnte. Das ist ein schönes Gefühl! Aber darüber hinaus möchte ich unabhängig und frei sein, von niemandem etwas vorgeschrieben bekommen. Wenn ich acht Stunden arbeite, dann bin ich selbst derjenige, der das entscheidet.
Mein Motto lautet: „Du musst deine Zeit nutzen“. Das bedeutet nicht nur, so erfolgreich wie möglich zu sein, sondern auch, körperliche Grenzen zu erkennen. Seit meiner Krebserkrankung fahre ich mehr in den Urlaub. Obwohl ich gerne arbeite, nehme ich mir Freiheiten, die mir guttun. Ich versuche, mich auf die positiven Dinge zu konzentrieren, anstatt nur über das Negative zu klagen. Man sollte Kleinigkeiten mehr schätzen. Geld ist schön und gut, aber es ist auch ein Luxus, alleine aufs Klo gehen zu können. Wenn man im Krankenbett liegt und es gerade nicht kann, ändert sich der eigene Wertekompass. Und man überprüft auch seine Freundschaften – mit welchen Menschen man dieselben Werte teilt und Beziehungen führt, die auf beiderseitigem Interesse beruhen – und mit welchen nicht.
Dem Geld hinterher zu jagen, bringt sowieso nichts. Wenn man kompetent ist, seine Kunden gut behandelt und ihnen einen Mehrwert liefert, was in unserer Branche nicht Gang und Gäbe ist, kommt der Erfolg von ganz alleine. Mein Ausbilder hat immer gesagt: „Mach deine Scheiße weg. Beantworte deine E-Mails, mach deine Hausaufgaben, erledige deine Arbeit – damit bist du den meisten anderen Geschäftsleuten schon um 100 Prozent voraus! Das Immobiliengeschäft ist keine Raketenwissenschaft.“ Diese Eigenschaften, die er mir vermittelt hat, schweißen uns derart zusammen, dass wir bis heute kooperieren.
Was waren Ihre nächsten Schritte nach der Genesung?
Ich habe mir sehr gut überlegt, wie ich weitermachen will. Obwohl ich einen sicheren Hafen hatte, wollte ich daraus ausbrechen und mein eigenes Geschäft aufbauen. Darum habe ich mich mit einem Ausbildungskollegen zusammengetan und im Jahr 2021 JF Immobilien gegründet. Berlin schien uns allerdings ein zu großes Haifischbecken zu sein. Wir dachten, hier bräuchte niemand zwei Berufsanfänger, und so beschlossen wir, in Leipzig ins Geschäft einzusteigen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass ich dort seit der Ausbildung zwei Bauprojekte begleitete und ohnehin häufig vor Ort war.
Ich kaufte eine Eigentumswohnung, wir benutzten sie als Büro und liefen uns unter der Woche die Hacken ab. Aber wir konnten nicht ausreichend Aufträge akquirieren. Die Coronapandemie und die aktuellen Kriegssituationen hemmten die Geschäfte zusätzlich. Bis wir plötzlich in Berlin Angebote aus unserem Netzwerk bekamen, das wir während der Ausbildung schon aufgebaut hatten. Wir haben gedacht: Das kann doch nicht wahr sein! Wir strengen uns wie verrückt an, um in Leipzig an Aufträge zu kommen, und dann klappt es in Berlin. Also sind wir mit unserer Firma umgezogen und haben ein Büro in der Drakestraße in Berlin-Lichterfelde gemietet und von dort aus die ersten Deals eingetütet: Kunden bei Immoscout akquiriert, Immobilien über Kleinanzeigen verkauft.
Aus persönlichen Gründen habe ich mich jedoch einige Zeit später von meinem Geschäftspartner getrennt, weil unser Wertekompass nicht so übereinstimmte, wie es für ein langfristiges, vertrauensvolles gemeinsames Geschäft notwendig ist. Es war sehr schade, dass es nicht geklappt hat, aber unterm Strich eine gute Entscheidung. Mein Netzwerk hat zu mir gehalten und für mich alleine ist die Arbeit noch lukrativer. Ich habe im vergangenen Jahr einen sehr guten Umsatz erzielt und schaffe es jetzt schon seit sechs Jahren, meinen Lebensunterhalt als Freelancer für verschiedene Dienstleister zu verdienen und erfolgreich ein eigenes Immobilienvermögen aufzubauen.
Wie haben Sie sich alleine neu aufgestellt?
Ein halbes Jahr hing ich ohne Büro in der Luft, dann erinnerte ich mich an dieses leerstehende Geschäft in der Albrechtstraße in unmittelbarer Nähe zur Stindestraße, in der ich großgeworden bin. In meiner Jugend war eine Wäscherei in den beiden Räumen. Ich habe sie angemietet und ein Ladenlokal zu einem Büro ausgebaut. Dann habe ich überlegt, was ich mit dem anderen Ladenlokal anstellen könnte. Macht es Sinn, für ein größeres Meeting im Jahr einen Konferenzraum einzurichten? Mein Ziel ist es nicht, fünf Mitarbeitende einzustellen, also brauchte ich auch keine weiteren Schreibtische. Irgendwie musste ich den Raum aber bespielen, um die Kosten zu refinanzieren. Und so kam mir die Idee, in Kooperation mit dem Restaurant Tony’s gegenüber einen kleinen Coffee To Go-Shop zu eröffnen.
Wir bieten hochwertigen Kaffee, frisch gebackene Snacks, im Sommer Eis. Klasse statt Masse. Vor der Tür habe ich zwei große Terrassen mit Tischen und Stühlen. Ich habe das Gefühl, meinem Heimatkiez etwas zurückgeben zu können. Die Einkaufsstraßen rund um den Stadtpark Steglitz – die Albrechtstraße, der Steglitzer Damm – haben sich nämlich sehr zum Negativen verändert. In meiner Jugend gab es dort noch eine Vielfalt in der Gastronomie und eine andere Klientel. Heute gibt es nur noch Imbisse – und jetzt meinen Coffeeshop. Er bildet eine schöne Symbiose mit meinem Immobilienbüro. Ich kann meinen Kunden sehr guten Kaffee anbieten und habe Laufkundschaft, mit der ich ins Gespräch kommen kann.
Welches Immobilienprojet war bisher Ihr Lieblingsprojekt?
Während meiner Ausbildung habe ich 146 Mikroappartements in einem Neubauprojekt in Rummelsburg vermietet. Zu Spitzenzeiten wurden 16 Mietverträge an einem einzigen Tag unterschrieben! Mikroliving ist ein Trend, der sich in vielen Großstädten durchsetzt. Er bietet die Möglichkeit, in voll möblierten 17 bis 21-Quadratmeter-Studios mit eigenem Bad und Kochnische anstatt in einer WG zu leben. Das wird von vielen Studenten, Young Professionals und Pendlern gut angenommen.
Wir waren Pioniere in diesem Bereich, inzwischen ist es ein richtiger Boom geworden! Es lassen sich Spitzenmieten von 30 Euro pro Quadratmeter erzielen. Die Zielgruppe hat ein Budget von 500 Euro im Monat zum Wohnen, und es ist ihr egal, ob sie dafür 15 oder 30 Quadratmeter bekommt. Hauptsache, man kann eine Tür hinter sich schließen und erst einmal in der Stadt ankommen. Ich habe das Projekt vom Kauf des Grundstücks an begleitet. Man hat eine Vision, man bewegt wahnsinnig viel Geld, man beschäftigt hunderte von Leuten, die an dem Haus bauen, und am Ende wohnen dort Menschen. Wir haben viele Kunden glücklich gemacht, die auf der Straße standen, weil es keinen Wohnraum gab!
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Dieses Interview mit Real Estate Economist Julian Bilek stammt aus meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Darin finden Sie 48 weitere Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten.
Seit 25 Jahren publiziert der Verlag Elmar Zinke unter dem Titel „Edition Profile“ Portraitbände über ausgewählte Persönlichkeiten und Geschäftsleute in einem bestimmten Einzugsbereich, deren Arbeit die Stadt oder Region prägt und Wertschätzung verdient. Die Serie umfasst rund 200 hochwertige Kunstdrucke mit Ledereinband und Fadenbindung, die in einer Manufaktur gefertigt werden und eine Sammlerzielgruppe ansprechen.
Der Interviewband „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ von Maja Roedenbeck kann unter der ISBN-Nummer 978-3-941294-98-1 in jeder Buchhandlung bestellt werden. Oder direkt bei mir anfragen: redaktion[at]maja-roedenbeck.de

