32.700 Träger der Kinder- und Jugendhilfe gibt es laut Statistischem Bundesamt in Deutschland – und doch drohen immer wieder junge Menschen, durchs Raster zu fallen. Das SchutzengelWerk arbeitet rein spendenbasiert mit ihnen und für sie. Mit welchem Erfolgskonzept ihre gGmbH Kinder davor bewahrt, auf die schiefe Bahn zu geraten, und wie sie aus der Versicherungsbranche in das Sozialwesen hineingewachsen ist, erzählt Geschäftsführerin Bianca Sommerfeld in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“: 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Hier ein Ausschnitt aus dem Interview.
Wie sind Sie zum SchutzengelWerk gekommen?
Ich habe Germanistik und Politikwissenschaften an der Technischen Universität Berlin studiert, zunächst mit dem Plan, Journalistin zu werden. Währenddessen jobbte ich in einer Gruner und Jahr-Redaktion und bekam nach dem Studium eine Volontärstelle. Weil ich ein Mensch mit „Hummeln im Hintern“ bin, wurde mir der Redaktionsalltag bald zu langweilig, und so nahm ich das Angebot an, die Pressestelle für eine Versicherung aufzubauen. Ich hatte keine Ahnung von dem Metier, aber es hat mich schon immer gereizt, mich in neue Themen einzuarbeiten. An der Deutschen Akademie für Public Relations habe ich mich zur PR-Beraterin qualifiziert und nebenberuflich die Tätigkeit als freiberufliche PR-Beraterin aufgenommen. Der Finanzmarkt boomte und ich machte die Pressearbeit für Fondsgesellschaften und verschiedene Versicherungen. Auch nach der Geburt meines ersten Kindes und unserem Umzug nach Rheinlad-Pfalz habe ich weitergearbeitet, ein Fachbuch geschrieben, Kommunikationswissenschaften auf Diplom studiert. Erst nach dem dritten Kind habe ich aufgehört zu arbeiten und mich auf die Familie fokussiert.
Mein Wunsch war es nach fünf Jahren im Rheinland, wieder in die Heimat zurückzukehren. Wir fanden ein neues zu Hause in Berlin-Wannsee. Ich hatte das Bedürfnis, wieder zu arbeiten, allerdings nun in einem sinnstiftenden Bereich. Als Mutter von drei Kindern war es mir zunehmend zuwider, für Gesellschaften zu arbeiten, denen es nur darum ging, ihre Gewinne zu maximieren. Meine Prioritäten veränderten sich, Ethik, Nachhaltigkeit und soziales Engagement wurden mir wichtiger, auch wenn das krasse Gehaltseinbußen bedeutete. Im Jahr 2013 habe ich mit acht anderen Frauen den Zuckerbaum e.V. gegründet. Er kümmert sich um gesunde Geschwisterkinder in Familien mit chronisch kranken Kindern. Unsere Vereinsvorsitzende war mit dem SchutzengelWerk-Gründer, Jürgen Schnelle, befreundet, und so lernte ich ihn kennen. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und er meinte, jemand wie ich würde ihm in seinem Team noch fehlen. So begann unsere gemeinsame Zeit beim SchutzengelWerk.
Welche Gründungsgeschichte steckt hinter dem SchutzengelWerk?
Jürgen Schnelle bezeichnet sich selbst als „Weddinger Kellerkind“. Er ist im Berlin der 1950er Jahre groß geworden und hat seine Kindheit als dunkel und lieblos in Erinnerung. Es gab nicht genug zu essen, es fehlte an Wärme. Nachdem er durch harte Arbeit und viel Glück, wie er sagt, erfolgreich wurde, wollte er der Gesellschaft etwas zurückgeben. Schnelle hat eigenes Geld in die Hand genommen und Freunde für seine Idee begeistert, 2013 wurde das SchutzengelWerk als gemeinnützige GmbH eingetragen. Diese Organisationsform war damals noch neu, aber für Menschen aus der freien Wirtschaft wie mich eine wundervolle Organisationsform. Es gibt die bekannten Hierarchien, man hat einen Geschäftsführer und kann unternehmerisch entscheiden, anstatt wie ein Verein bei jeder Veränderung auf die Zustimmung der Mitglieder angewiesen zu sein. Dennoch ist die Mittelverwendung zweckgebunden.
Wie ist das SchutzengelWerk heute aufgestellt?
Dank unserer rund 6.000 Unterstützer – Privatpersonen, die mit 20 Euro im Monat dabei sind, aber auch Unternehmen und Großspender – können wir in Steglitz, Hohenschönhausen und Eberswalde Räume unterhalten, in denen Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien nach der Schule ein gesundes Mittagessen und ein pädagogisch wertvolles Freizeitangebot bekommen. Wir sind ihr verlängertes Wohnzimmer. Sie können sich frei bewegen, es ist jemand da, der ihnen zuhört. Von 14 bis 19 Uhr ist es richtig voll, abends müssen wir die Kinder geradezu „rausfegen“. Vorher gehört es dazu, dass sie mit uns zusammen aufräumen. Auch das hat einen pädagogischen Wert: zu sehen, wie schön ein „Wohnzimmer“ wieder ist, wenn man den Müll vom Boden aufhebt.
Eine der Hauptaufgaben für unsere Mitarbeitenden ist es, den Kindern beizubringen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Das funktioniert in vielen ihrer Familien nicht. Es wird geschrien, geboxt und getreten, sie ziehen einander an den Haaren, schimpfen und fluchen, weil sie es nicht anders gelernt haben. Unser zweiter Erziehungsauftrag ist es, die Kinder auf das Leben vorzubereiten. Sie kommen teilweise aus Familien, die schon in der vierten Generation armutsgefährdet sind. Denkmuster haben sich so verfestigt, dass sie schwer aufzubrechen sind. Das Maximum einer Vorstellung von der Zukunft ist für diese Kinder ein Job bei Lidl an der Kasse. Anderen wird leider auch vorgelebt, dass es sich von der Sozialhilfe leben lässt. Wir müssen ihnen erst beibringen, über den Tellerrand zu schauen, ihre Optionen nach dem Schulabschluss zu erkennen.
Ihr Leuchtturmprojekt ist das Projekt „LernEngel“. Was steckt dahinter?
Während der Pandemie haben wir gesehen, wie Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern unter den Schulschließungen gelitten haben. Sie waren nicht in der Lage, den Schulstoff zu Hause zu bewältigen, haben den Anschluss verpasst. In dieser Zeit haben wir das Konzept „LernEngel“ entwickelt: kostenloser Einzelunterricht einmal die Woche. Die Kinder werden individuell betreut, immer vom selben Lehrer im selben Raum, der sich von der Einrichtung her nicht nach Schule oder Nachhilfe anfühlt. Denn mit Schule verbinden die Kinder Angst, Wut und Frustration, sie werden bockig und blockieren. Mit dem „LernEngel“ haben wir den Schlüssel zum Erfolg gefunden! Wir haben lange Wartelisten in allen Projekten. Aber es ist unterm Strich auch eine der teuersten Unterstützungsformen.
Meine Motivation ziehe ich daraus zu sehen, welche Effekte unsere Arbeit hat. Wenn unsere LernEngel Briefe von ehemaligen Schülern bekommen, die ihr Abitur gemacht haben, in denen steht: „Das habe ich nur wegen dir geschafft!“ Kürzlich haben wir gemeinsam einen Jungen gefeiert, der den ersten Tag in der Ausbildung absolviert hatte. Vor zwei Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass er soweit kommt! Wir begleiten die Kinder ein Stück auf ihrem Weg, und irgendwann lösen sie sich von uns oder wir entlassen sie und sagen: „Du schaffst das jetzt alleine.“
Erinnern Sie sich an eine besondere Geschichte mit einem Kind?
Vor acht Jahren kam ein Junge aus der Türkei mit seiner Schwester in den Sommerferien zu uns, beide sprachen kein Wort Deutsch. Beim Spielen und Essen im SchutzengelWerk haben sie erste Wörter gelernt. Das Mädchen war ehrgeizig und hat ihren Weg alleine gefunden. Für den Jungen war es schwieriger, die Situation zu Hause kam dazu. Er drohte abzurutschen, hat seine Schulabschluss nicht geschafft. Als er volljährig wurde, war sein Aufenthaltstitel gefährdet. Wenn wir uns nicht gekümmert hätten, wäre er durch das Netz der Jugendhilfe gefallen und abgeschoben worden.
Mittlerweile geht er wieder zur Schule und träumt von einer Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. In seiner Freizeit arbeitet er bei uns und ist eine Riesenhilfe, weil er auf Augenhöhe mit den Kindern sprechen kann. Er ist unser einziger männlicher Betreuer, was gerade für unsere arabischen jungen Männer sehr wichtig ist. Viele weibliche Lehrerinnen und Erzieherinnen leiden darunter, dass sie von diesen Kulturen nicht respektiert werden. Wenn ein junger, türkischstämmiger Mann nun deutliche Worte für die Kinder findet, hat das ein anderes Gewicht. Weil er bei uns seine Aufgabe und Zugehörigkeit gefunden hat, ist er ein hilfsbereiter Mensch geworden. Sonst würde er längst auf der Straße leben, wäre zwangsläufig kriminell. Diese Geschichte zeigt, wie fragil unser Hilfesystem ist. Es braucht sehr viele Menschen, um gefährdete Kinder wirklich zu schützen!
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Das vollständige Interview mit Bianca Sommerfeld, Geschäftsführerin des SchutzengelWerks, lest ihr in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Darin berichtet sie:
- Von welchen Seiten Sie Zuspruch für die Arbeit des SchutzengelWerks besonders schätzt
- Welche Hintergründe die hauptamtlichen Mitarbeitenden beim SchutzengelWerk mitbringen
- Wie ihre ehemalige Gymnasiallehrerin im Ruhestand den Weg als Ehrenamtlerin ins SchutzengelWerk fand
Buchbestellung
Seit 25 Jahren publiziert der Verlag Elmar Zinke unter dem Titel „Edition Profile“ Portraitbände über ausgewählte Persönlichkeiten und Geschäftsleute in einem bestimmten Einzugsbereich, deren Arbeit die Stadt oder Region prägt und Wertschätzung verdient. Die Serie umfasst rund 200 hochwertige Kunstdrucke mit Ledereinband und Fadenbindung, die in einer Manufaktur gefertigt werden und eine Sammlerzielgruppe ansprechen.
Der Interviewband „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ von Maja Roedenbeck ist neu nicht bei Amazon und anderen Onlinebuchshops erhältlich (gebraucht einige Zeit nach der Veröffentlichung erfahrungsgemäß schon), kann jedoch unter der ISBN-Nummer 978-3-941294-98-1 in jeder Buchhandlung bestellt werden. Oder direkt bei mir anfragen: redaktion[at]maja-roedenbeck.de

