„Substanz statt Werbeversprechen“: Prof. Günter Faltin

Lange, bevor Begriffe wie Start up, Fair Trade und Corporate Social Responsibility in aller Munde waren, hat Günter Faltin die Vorstellung von Unternehmertum revolutioniert. In seinem Bestseller „Kopf schlägt Kapital“ (Affiliate Link zur aktualisierten Neuausgabe, dtv Verlag, 2023) und in den Masterclasses seiner Stiftung Entrepreneurship feiert er die Lust, Unternehmer zu sein. Warum ihm Ideen wichtiger sind als Millionengewinne und welche Hoffnungen er in die nachwachsende Gründergeneration setzt, erzählt er im Interview.

Bild: Nils Ohlendorf

Prof. Dr. Günter Faltin, woher kommt Ihr Interesse an der Ökonomie?

Schon mit 14 Jahren habe ich unter der Bank lieber die Bücher von J. P. Morgan, Henry Ford und anderen bekannten, amerikanischen Unternehmern gelesen als den Lehrern zuzuhören. Ich war kein aufmerksamer Schüler und gehöre bis heute zu den Schulkritikern. Nach dem Abitur im Jahr 1963 habe ich von 1964 bis 1968 Ökonomie studiert. Diese Zeit nannte man später die „Studentenbewegung“. Wir saßen in einem völlig überfüllten Hörsaal auf dem Boden und den Fensterbänken, während vorne ein Ordinarius aus einem wissenschaftlichen Manuskript ablas. Wir sollten alles mitschreiben, was natürlich unmöglich war. Dementsprechend hoch war die Durchfallquote. Die Durchschnittsstudiendauer lag bei 13,7 Semestern. Ich habe gesagt: „Leute, wir sind hier in einem Idiotenclub!“ und wurde mit zwei Dritteln der Stimmen zum Fachschaftsvertreter im Allgemeinen Studierendenausschuss gewählt. Aber letztendlich habe ich wenig erreicht. Als ich den Professoren vorschlug, uns das Manuskript zu kopieren und gegen einen Unkostenbeitrag zu überlassen, lief einer von ihnen rot an und schrie: „Ein dahergelaufener Student will mir sagen, wie ich lehren soll?“

Das Universitätsleben und das Fach Ökonomie fand ich weiterhin spannend, aber die Art, wie es unterrichtet wurde, nicht. Es ging um Mathematik, Statistik und komplizierte abstrakte Modelle, aber es wurde nicht behandelt, wie man ein Unternehmen gründet. Dabei ist das doch gerade das Spannende am Unternehmertum! Ich nenne es lieber Entrepreneurship, um die überholten Bilder zu vermeiden. Ich schlich mich in Vorlesungen, die mich mehr inspirierten, zum Beispiel beim Literaturhistoriker Walter Jens. Auch im Nebenfach Politikwissenschaften gab es klare Köpfe, darunter Theodor Eschenburg. Für mich hieß Studium: nächtelang diskutieren, zum Beispiel über die Thesen des Philosophen Ernst Bloch oder des Soziologen Ralf Dahrendorf. Am Ende habe ich ein einigermaßen gutes Examen gemacht. Danach schrieb ich meine Doktorarbeit an der Universität Konstanz. Inzwischen gab es Reformuniversitäten, die moderne Lehrkräfte suchten, und ich stand auf dem ersten Platz mehrerer Berufungslisten. So hat es sich ergeben, dass ich junger Hochschullehrer an der Freien Universität (FU) Berlin wurde.

Was haben Sie anders gemacht als die Professoren der alten Schule?

Nach wie vor lag es mir vor allem daran, den Kern der Ökonomie wie ihn Joseph Schumpeter beschrieben hat, nämlich Menschen, die mit innovativen Konzepten neue Unternehmen gründen, im Curriculum unterzubringen. Heute ist das Standard, doch 1977 war der Start up-Ansatz noch eine schräge Idee. An der FU Berlin waren viele politisch links orientierte Studierende eingeschrieben, und so hieß es schnell: „Der Faltin will kleine Kapitalistenschweine züchten!“ Einmal wurden mir sogar die Reifen zerstochen. Das war keine leichte Zeit. Aber Ende der 1970iger Jahre fühlte ich mich vorbereitet genug, um eine eigene Gründung zu wagen. Aus meiner ersten Unternehmensgründung, der Ökotopia GmbH, wurde ich zusammen mit meinen Studentinnen und Studenten unfair herausgedrängt. Das war eine bittere Erfahrung. Dennoch habe ich einen zweiten Anlauf gewagt. Ich habe die Teekampagne gegründet, die 2025 ihr 40-jähriges Jubiläum gefeiert hat.

Ich fand einen Weg, Tee aus fairem Handel und nachhaltiger Produktion zu einem deutlich günstigeren Preis anzubieten als traditionelle Händler. Ich konzentrierte mich auf wenige Sorten, Darjeeling und später Assam Tee, um große Einkaufsmengen zu generieren, sodass ich am Zwischenhandel vorbei direkt bei den Erzeugern einkaufen konnte. Tee bleibt viel länger frisch als Kaffee, selbst in der angebrochenen Verpackung. Warum sollte man ihn also in 100g-Beutelchen anbieten? Natürlich kann man nicht alles alleine machen. Für wenige Lieferungen im Jahr lohnt es sich beispielsweise nicht, ein eigenes Büro im Hamburger Hafen zu betreiben. Aber die Importeure, die Groß- und Einzelhändler kann man umgehen und damit enorme Einsparungen realisieren.

Ich bin nach Indien gereist und habe mir die Lieferketten genau angeschaut. Habe gelernt, wie viel Geld dadurch verbrannt wird, dass die Waren bei jedem Schritt des Zwischenhandels rein ins Lager transportiert werden und raus ins nächste Lager, wodurch viele unnötige Transportwege entstehen. Jedes Mal wird die Verpackung aufgerissen, entsorgt und ein neues Gebinde verpackt. Jedes Mal läuft die Teecharge durch die Buchhaltung. Natürlich verdirbt auch eine kleine Menge des Tees, wird gestohlen oder bleibt unverkauft. Das alles zusammen erhöht die Kosten des konventionellen Teehandels enorm. Statt den Preis zu verzehnfachen wie die Konkurrenz, konnte ich durch mein Konzept unseren Darjeeling für den nur dreifachen Einkaufspreis anbieten. Also sage und schreibe zu einem Drittel der Preise der Konkurrenz. Bestellungen haben wir anfangs über Telefon und Fax entgegengenommen – heute betreiben wir einen Onlineshop. Von Anfang an sind wir sehr transparent mit unserer Geschäftsidee umgegangen, haben unsere Kalkulationen und den Weg unseres Tees vom Ursprung bis zum Kunden offengelegt.

Was halten Sie von den Start up-Gründern von heute?

Mein Handeln war von der Berliner Alternativszene beeinflusst. Mir ging es beim Gründen nicht darum, reich zu werden, sondern darum, gute Geschäftsideen zu entwickeln und zu beweisen, dass sie funktionieren. Insofern sind die jungen Gründer, die ihr Start up für 150 Millionen Euro verkaufen und sich dann eine teure Yacht kaufen, nicht meine Welt. Man darf nicht der „Magie der Nullen“ verfallen. Aber neben den „schnellen Jungs“, die den konventionellen Ansatz der Gewinnmaximierung fahren, gibt es heute auch Gründerinnen und Gründer, die sich nach dem ersten Erfolg nicht zur Ruhe setzen, sondern die nächste Geschäftsidee entwickeln. Ihnen geht es genau wie mir um die Freude daran, Entrepreneur zu sein. So wie ein Schriftsteller, der einen Bestseller gelandet hat, sich auch nicht irgendwo am Strand in den Liegestuhl setzt, sondern weiter schreibt. 

Ich habe die Hoffnung, dass die jungen Gründer andere Werte einbringen als die alten Kapitalisten. Sie haben verstanden, dass unternehmerisches Handeln nicht ausbeuterisch und gleichgültig sein darf. Die Natur ist ein Produktionsfaktor. Wenn wir sie zerstören, werden wir uns noch umschauen! Ich halte auch nichts davon, den Konsumenten mit Marketingtricks einzufangen. Es gibt das berühmte Beispiel von den „Fackeln der Freiheit“: Die amerikanische Tabakindustrie wollte Frauen für das Rauchen begeistern und hat Promotion-Mädchen als Suffragetten verkleidet. Suffragetten waren Frauen, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts für das Frauenwahlrecht einsetzten. Die Marketing-Suffragetten der Tabakkonzerne spazierten also rauchend auf der Fifth Avenue in New York umher und nannten ihre Zigaretten die „Fackeln der Freiheit“. Sie missbrauchten die Öffentlichkeitswirksamkeit der Frauenbewegung.

Das hat nichts mehr damit zu tun, wie sich Ökonomie ursprünglich verstanden hat: gute Produkte auf den Markt zu bringen, die den Menschen das Leben erleichtern. Es hat auch nichts mehr mit der Überzeugung der Ökonomen zu tun, dass das Vertrauen der Kunden mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis zu gewinnen sei. Stattdessen frohlockten die Geschäftsleute nun, dass man über Emotionen und Storytelling einfach alles mit Erfolg verkaufen konnte, auch schlechte oder überteuerte Produkte. Da beginnt für mich der Irrweg der Ökonomie: Verbraucherverblödung, aber hochprofitabel. Um dem entgegenzuwirken, habe ich im Jahr 2001 gemeinsam mit Prof. Dietrich Winterhager die Stiftung Entrepreneurship gegründet.

Welche Idee steckt hinter Ihrer Stiftung?

Da ich selbst keine Familie habe, sind die Gründungsideen meine Kinder. Es gibt nichts Spannenderes als den Weg vom ersten Einfall über die Konzeption bis zum Erfolg zu verfolgen! Etwas zu bewegen, etwas Neues in die Welt zu bringen. Das muss nicht unbedingt ein wirtschaftliches Produkt sein, es kann auch eine neue Schulform sein oder ein Weg, um die Welt ökologisch zu retten. Auch politisches Entrepreneurship gehört dazu – nicht nur Unternehmertum, Banken, Patriarchat und Ellbogenkämpfe. Heute funktioniert die Gründung mit Laptop und KI ja noch ein ganzes Stück leichter als früher. Ich möchte ein Umfeld schaffen, in dem die Begeisterung für meine Art der Ökonomie gefördert wird. Im Rahmen der Stiftung Entrepreneurship bieten wir Masterclasses dazu an.

Ich komme aus einer streng evangelischen Familie, da ging es mehr ums Sein als um den Schein. Als meine Mutter mir zum Abitur einen Mercedes schenken wollte, habe ich gesagt: „Wie kommst Du auf so eine Idee? Damit fühle ich mich nicht wohl!“ Ich suchte mir einen gebrauchten VW mit Stoffschiebedach aus. Das war das beste Auto, das ich je hatte, und ich war viele Jahre sehr glücklich damit! Heute fahre ich in Berlin lieber mit dem Fahrrad und bringe meine Anteile an der Teekampagne in die Stiftung ein statt mir einen Rolls Royce zu kaufen wie einer meiner Nachbarn. Ab 2026 wird die Teekampagne vollständig der Stiftung gehören. Meine Ideen sollen darin weiterleben. Ich will zeigen: „Ökonomie geht auch anders!“

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Dieser Ausschnitt meines Interviews mit Prof. Günter Faltin, Mitgründer der Stiftung Entrepreneurship, stammt aus meinem neuen Sachbuch Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“: 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Darin erzählt er außerdem mehr:

  • über seine Lehrtätigkeit am International College for Digital Innovation der Chiang Mai University
  • über die Toleranz der Thais, die als Vorbild für eine moderne Wirtschaft taugt
  • über sein Leben zwischen Berlin und Südostasien

Seit 25 Jahren publiziert der Verlag Elmar Zinke unter dem Titel „Edition Profile“ Portraitbände über ausgewählte Persönlichkeiten und Geschäftsleute in einem bestimmten Einzugsbereich, deren Arbeit die Stadt oder Region prägt und Wertschätzung verdient. Die Serie umfasst rund 200 hochwertige Kunstdrucke mit Ledereinband und Fadenbindung, die in einer Manufaktur gefertigt werden und eine Sammlerzielgruppe ansprechen.

Der Interviewband „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ von Maja Roedenbeck kann unter der ISBN-Nummer 978-3-941294-98-1 in jeder Buchhandlung bestellt werden. Oder direkt bei mir anfragen: redaktion[at]maja-roedenbeck.de