Reisereportage: Wo sich die Seelen der Verstorbenen treffen | Bosomtwe, Ghana

Lake Bosomtwe Ghana

Der Lake Bosomtwe in Ghana ist einer von sechs Seen weltweit, die durch einen Meteoriteneinschlag entstanden sind. Warum er für das einheimische Volk der Asante heilig ist, hat Maja Roedenbeck sofort gefühlt, als sie an seinem kreisrunden Ufer stand.

Dass dieser See heilig sein muss, ist klar. Er sieht einfach heilig aus. So völlig kreisrund, je nach Quelle acht oder zehn Kilometer im Durchmesser. Einer von offenbar nur sechs Seen auf der Welt, die dadurch entstanden sind, dass sich ein Meteoritenkrater nach dem Einschlag mit Regenwasser gefüllt hat. Im Dunst des Harmattan zerfließt das Panorama zu einem flirrenden Etwas. Obwohl der See zum Greifen nahe ist, scheint er fern. Die Sonne geht morgens als dunkelroter Stecknadelkopf in einem mehrdimensionalen Graugemisch aus Wasseroberfläche, Horizont und diesigem Himmel auf. Es sieht so unecht aus als hätte ein Grafikdesigner die Farbumkehrfunktion betätigt. Mit seinen Uferpfaden und -dörfern inmitten leuchtend grüner Dschungelteppiche ist der Lake Bosomtwe ein Mikrokosmos, in dem man glatt vergessen könnte, dass eine Welt jenseits davon existiert. Die gebürtige Französin Elodie, inzwischen eingebürgerte Ghanaerin, hat einen einheimischen Maurer geheiratet und hier mit ihm ihren Traum von einer bis ins kleinste Detail liebevoll geplanten Eco Ranch verwirklicht. Sie nennen sich earthkeepers, Erdenhüter, und verstehen darunter einen Lebensstil so nah an der Natur wie nur möglich. Mit gemäßigten Bedürfnissen, bewusstem, reduziertem Konsum und einem achtsamen Abfallmanagement. Das gilt für ihr Privatleben mit den beiden Söhnen wie für ihr Business. Auch für Elodie mit ihrem üppigen Knoten aus Dreadlocks am Hinterkopf, der nur noch von dünnen, durchsichtigen Haarsträhnen über der Stirn und den Ohren gehalten wird, war es ein langer Weg bis hierhin. In verschiedenen Ländern hat sie nach einem geeigneten Grundstück gesucht, bis sie dieses fand und begann, es zu bewirtschaften. Sie hatte sich in einen schön anzusehenden und nachhaltigen Baustil aus der Wüste verguckt, bei dem Lehmhäuser mit einem gewölbten Dach versehen werden, um einen natürlichen Kühleffekt zu erzielen. Sie ließ Spezialisten zum Lake Bosomtwe kommen, um zu prüfen, ob sowas auch hier umsetzbar wäre. Doch die befanden, dass die Wüstenhäuser in einem Dschungelgebiet nicht lange halten würden. Es schüttet in der Regenzeit so heftig, dass die Abhänge ins Rutschen geraten und die Straße für Fahrzeuge vollends unpassierbar wird. Dann müssen die Gäste zu Pferd in Abono abgeholt werden. Die Dächer der Wüstenhäuser würde ein ähnliches Schicksal ereilen. Elodie hat sich damit abgefunden und scherzt längst wieder: „Erst wenn es eine Beerdigung zu feiern gibt, werden die Erdrutsche auf der Straße ganz fix beseitigt!“ Beerdigungen sind große Ereignisse für Ghanaer.

Unter Anleitung von Elodies Mann Kwadwo wurden dann andere Häuser gebaut, aus großen Steinklumpen, Holz, Lehm, Ton und Zement. In die Fundamente haben sie unkompostierbaren Abfall wie Glasscherben eingegossen. Wunderschön ist die Wohnanlage geworden, wie ein kleines Dorf unter den uralten Niembäumen mit den farnartigen, gefächerten Blättern. Am Haupthaus der Familie wird noch gewerkelt. Gewöhnungsbedürftig ist für Obrunis nur das Klo, das mitsamt der kalten Dusche lediglich durch einen bunt gemusterten Stoff vom Rest des Zimmers abgetrennt ist. Vor den Angestelltentoiletten neben der Weide wehen ebenfalls Vorhänge. Die Neem Trees spenden nicht nur Schatten, sondern auch Schutz vor Moskitos. „Wenn mein Mann einen Baum beschneiden will, sage ich: ‚Der wird nicht angerührt!‘“, erzählt Elodie. „Und wenn dann ein Ast droht, unser Dach zu beschädigen, und ich bitte meinen Mann, ihn abzusägen, dann sagt er: ‚Der wird nicht angerührt!‘“ Dann lacht sie ihr unaufgeregtes, gurrendes Lachen.

Auch einen Brunnen hat sie bohren lassen, mehr als 40 Meter tief, und dafür erstmal das schwere Bohrfahrzeug über die Feldwege herbeigeschafft. „Die Einheimischen sagen, es war das größte Fahrzeug, das diese Pisten je passiert hat“, erinnert sich Elodie. Nun gibt es Grundwasser zu trinken. Es wird gefiltert und den Gästen kostenlos in wiederverwertbaren Glasflaschen zur Verfügung gestellt. Manchen schmeckt es nicht, sie beschweren sich, obwohl sie Geld sparen. Sie bezweifeln, dass man Elodies Grundwasser gefahrlos trinken kann, und verlangen Plastikflaschen aus der Getränkefabrik. Tatsächlich hat es einen Beigeschmack, aber nichts, woran man sich nicht gewöhnen könnte. „Ich gebe es meinen Kindern zu trinken!“, betont Elodie. „Das würde ich doch nicht machen, wenn es gesundheitsschädlich wäre!“ Plastikflaschen passen hier, wo alles naturbelassen ist, auch wirklich nicht hin. Einmal vergessen wir eine am Seeufer, und als es uns siedend heiß einfällt, hat ein Heinzelmännchen sie längst still und leise weggeräumt. Die Einkaufstüten, in denen wir Proviant aus Accra mitgebracht haben, vergraben wir tief in unseren Rucksäcken.

In der Abenddämmerung ist Zeit für Geschichten

Elodie freut sich, wenn jemand herkommt, der ihre Lebensphilosophie versteht und schätzt. Denn mit den Tagesausflüglern aus Kumasi ist es manchmal schwierig, nicht nur wegen des Grundwassers. Sie möchten zur größten Mittagshitze wandern gehen, und wenn Elodie davon abrät, zeigen sie ihre Muskeln. Und später wundern sie sich, dass sie mit einem Sonnenstich im Bett liegen. Sie steigen aus dem Auto und wollen sofort reiten, sodass kaum Zeit bleibt, sich ein Bild von ihrem Charakter zu machen und das passende Pferd auszusuchen. Aber sie bringen Geld. Nachdem es eine Weile gedauert hat, bis das Geschäft anlief, weiß die Erdenhüterin, dass sie auf die Tagesausflügler nicht verzichten kann. Aber dankbar ist sie für Gäste, die länger bleiben, interessierte Fragen stellen. Wenn sich in der Abenddämmerung alle auf der Terrasse zusammenfinden, um Reis mit Linsen oder Yamswurzel mit einer spinatartigen Moringasoße zu essen, ist dafür Zeit. Man wird nie müde, ihr beim Erzählen zuzuhören. Und ärgert sich beim Zubettgehen jedes Mal über alles, was man vergessen hat zu fragen. Wie hat es sich angefühlt, an diesem abgelegenen Ort schwanger zu sein? Hat sie ihre Kinder hier geboren?

„Du verstehst das nicht, du warst nie arm“

Stattdessen erfahren wir, dass Elodie sechs Frauen aus den umliegenden Dörfern auf ihrem Hof beschäftigt. In zwei Schichten sind sie für die Küche, die Gästezimmer und die Versorgung der Tiere zuständig und werden in Sachen Umwelt- und Naturschutz geschult. Nicht immer befolgen sie die Regeln der Hausherrin, ihre Lebensart ist ihnen irgendwie zu fremd, um sie wirklich zu verinnerlichen. Im Dorf wird der Müll zum Beispiel verbrannt, jeden Abend gibt es zahlreiche kleine Feuer am Straßenrand. Oder er wird auf einer der Müllkippen am See entsorgt, von wo er in der Regenzeit droht, ins Wasser gespült zu werden. Elodie bleibt ruhig, auch wenn ihr Gesichtsausdruck einen gewissen Unmut verrät. Sie erinnert an das, was besprochen wurde und ermutigt ihre Mitarbeitenden dazu, selbst gute Entscheidungen zu treffen. Die Erdenhüterin möchte sich in der Gemeinde einbringen, etwas zurückgeben, dafür, dass man ihr hier Raum für ihren Traum gibt. Sie hat ihre Angestellten ans Meer gefahren, denn das hatten sie noch nie gesehen. Für die Feldarbeiter auf den umliegenden Kakaoplantagen hat sie ein Toilettenhäuschen bauen lassen. Billig war das nicht. In den ersten beiden Jahren gab es ein Fest zum Jahrestag der Fertigstellung des Gemeindeklos. Inzwischen sind die Schüsseln oft verstopft und niemand repariert sie mehr. Zubehörteile verschwinden. Wenn Elodie deswegen traurig und frustriert ist, sagt ihr Mann: „Du verstehst das nicht, du warst nie arm.“

Sich in der meditativen Stille treiben lassen

Das Leben auf dem Hof beginnt mit Sonnenaufgang, wenn die Puten und fingerdicken Tausendfüßler auf dem Gelände nach dem Rechten sehen. Der 19-jährige Stan, Sohn einer Freundin der Familie, der für eine Mischung aus Berufsorientierungsauszeit und Au pair-Dienst am Lake Bosomtwe weilt, absolviert sein morgendliches Sportprogramm. Liegestützen, Klimmzüge an der Stange einer Kinderschaukel. Gemächlichen Schrittes kommen die Frauen der Frühschicht den Abhang hinauf, fegen ohne Hast die Aussichtsterrasse. Drapieren bunte Sitzkissen und Tischdecken auf den Möbeln, jedes Muster hat eine Bedeutung. Sie kochen Kaffee und Porridge, backen festes Brot, das es hier sonst nirgendwo gibt, und schneiden Ananas, Bananen und Melone. Nach dem Frühstück, wenn die Sonne noch nicht zu hoch am Himmel steht, geht es zu der naturbelassenen Badestelle der Ranch. Das Wasser des Sees, der keinen natürlichen Zu- und Abfluss hat, ist badewannenwarm und soll im Gegensatz zum Volta-Stausee bilharziosefrei sein. Also wahrscheinlich kriechen keine Larven von Blutegeln durch die Haut in die Körper der Badenden und nisten sich im Darm, Harntrakt oder Rückenmark ein. Hundertprozentig kann das aber niemand sagen. Eine Erfrischung gegen die Hitze ist es nicht, aber ungeheuer meditativ, sich in der Stille im Wasser treiben zu lassen. Immer auf der Hut vor dem Netz aus Pfählen und Seilen, das die Fischer unter der Oberfläche gesponnen haben. Nur selten schallen das Geräusch einer Motorsäge oder Fetzen einer Fernsehübertragung des Africa Cups über den See. Auch Boote hören und sehen wir nicht ein einziges Mal. Insbesondere diejenigen mit Metallkörpern sind hier unerwünscht, aus Respekt vor den Seelen der Verstorbenen und der Göttin Asase Yaa, mit der sie sich hier treffen. So sagen es die Ashanti, der heimische Volksstamm in dieser Region. Der einsame Fischer, der jeden Morgen vorbei paddelt und in den Reusen und Netzen nach frischem Fang schaut, sitzt darum mit ausgestreckten Beinen auf einer Holzplanke. So lange macht er das schon, dass sein Rücken einen Buckel an der unteren Wirbelsäule ausgeformt hat, gleich über dem Gesäß. Ruhig tut er seine Arbeit, schwebt als schwarze Silhouette im grellen Licht auf seinem Brett durch das Wasser und winkt uns zu. Die beiden beinlosen, zerfetzten Liegestuhlwracks am steinigen Ufer, die von friedlichen Straßenhunden und einmal auch von einer springenden Spinne heimgesucht werden, sind alles, was man hier braucht, um glücklich zu sein. Doch schon bald, es ist noch längst nicht Mittag, wird es selbst im Schatten zu heiß, um am See zu sitzen. Oder sich auf den Schulunterricht zu konzentrieren, was Elodie und ihr 12-jähriger Sohn oben auf der Veranda versuchen. Simeon hat eine schwere Form von ADHS und wird zu Hause unterrichtet, während der 7-jährige Menelik in die Schule im Dorf geht. Mit dem permanenten Bewegungsdrang seines Bruders und seinem altersunangemessenen Verhalten konnten sie dort nicht umgehen. Für Elodie ist es ein Kraftakt, sich neben den Pferden und den Gästen um einen Sohn mit besonderen Bedürfnissen zu kümmern – ohne professionelle Hilfe. Wer will es ihr verdenken, dass sie manchmal ungeduldig wird, wenn Simeon selbst einfache Rechenaufgaben nicht lösen mag. Einerseits ist es schade, dass es hier auf dem Land kein Förderprogramm für ihn gibt, individuell auf seine Eigenschaften und Kompetenzen zugeschnitten. Andererseits wächst er auf dem Hof sehr frei auf, darf sein, wie er ist. Muss sich nicht mit Gleichaltrigen messen, findet unter den Gästen und Angestellten immer einen Ansprechpartner für seine kleinkindlichen Ideen. Kann den lieben, langen Tag auf dem See Steine fliegen lassen, eine Kunst, die er meisterhaft beherrscht. Man muss nur aufpassen, dass er keine wichtigen Utensilien in die Finger bekommt, denn ihm fällt ganz bestimmt etwas ein, wofür er sie zweckentfremden könnte.

Wenn jedenfalls Simeon nicht mehr am Schulbuch zu bändigen ist, die Pferde versorgt sind und die Badenden von ihrem morgendlichen Wassergang zurückkehren, kommt der Hof über Mittag zur Ruhe. Ich spiele spanische Tänze auf der Gitarre und freue mich, dass Elodie sich darüber freut. Sie mag Musik. Hat verschiedene Instrumente für die Kinder besorgt, ein Klavier, ein afrikanisches Zupfinstrument, aber sie interessieren sich nicht dafür. Der gleichförmige, sich wiederholende Tagesrhythmus stört hier niemanden. Die Nähe zu anderen Menschen fehlt ihnen nicht. Allenfalls ist Elodie ein wenig traurig, dass [WEITERLESEN]

Du möchtest weiterlesen?

Die ganze Reisereportage „Wo sich die Seelen der Verstorbenen treffen | Bosomtwe, Ghana“ gibt es hier:

MaMagazine – Ausgabe No. 02/2025

Inhalt

  • Künstlerportrait: Jedes Selfie könnte das letzte sein – Seite 2
  • Reisebericht aus Ghana: Wo sich die Seelen der Verstorbenen treffen – Seite 7
  • Kurzgeschichte: Uwe und das Mädchen – Seite 17
  • Rezension: Liebe und Anarchie – Seite 21
  • Gedicht: Szene in Rot – Seite 24
  • Kolumne: Wer will schon die weise, alte Morla sein? – Seite 25
  • Kurzfilmprojekt: „Nicht so viel darüber nachdenken, was andere von mir halten“ – Seite 28
  • Gedicht: Stilles Kind – Seite 31
  • Reisebericht aus Australien: Wo das harte Leben Kunst inspiriert – Seite 32
  • Kurzgeschichte: Matthias Ginnberger zittert nicht – Seite 37
  • Künstlerportrait: Drei junge Musikerinnen zum Niederknien – Seite 40
  • Travel report: Where a hard life inspires art – Seite 45