Reisereportage: Solomons Bucht | Butre, Ghana

Butre Ghana

Die Bucht von Butre ist leicht zu übersehen. Pauschaltouristen schaffen es oft nicht weiter westlich als bis zur Sklavenfestung in Cape Coast und biegen dann Richtung Kakum Nationalpark nach Norden ab. Wer die Netflix-Doku „Brilliant Corners: Ghana“ gesehen hat, fährt dagegen an Butre vorbei zum Surfen nach Busua oder zum Cape Three Points. Dabei hat Waisenjunge Solomon hier in Butre so viel Freundschaft und Lieblingsorte zu verschenken.

Das östliche Ende der Bucht von Butre bilden eine riesige, vom Hauptland abgetrennte Landkugel im Meer, die mit windschiefen Bäumchen bewachsen ist, und mehrere vorgelagerte Felsplateaus. In einem mysteriösen Rhythmus werden die schwarzen Steinplatten von sanften Wellen überspült oder von einer gewaltigen Gischt angegriffen. Das Wasser kommt und gurgelt in den ausgehöhlten Felsen umher, beginnt immer wilder zu schleudern, bis sich bei jeder sechsten oder zehnten Welle die aufgestaute Energie in einer Wasserexplosion entlädt. Stundenlang könnte man hier meditieren und vergeblich versuchen, in dem Schauspiel die Gesetzmäßigkeiten der Natur zu durchschauen.

Solomon hat uns hergebracht. Völlig still und in sich versunken sitzt der kleine, schmächtige junge Mann mit einem der dunkelsten Gesichter, denen wir auf der Reise begegnen, ganz vorne auf der Kante eines der Felsen. Er zuckt nicht mit der Wimper, wenn ihn eine Welle komplett erfasst, durchnässt, beinahe mitreißt. Im Gegenteil, dann breitet er plötzlich die Arme aus, als ob er das Wasser empfangen wolle, und setzt sich vertrauensvoll der Naturgewalt aus.

Der Waisenjunge ist kein geübter Guide. Wenn er seine Gedanken im Meer oder im Himmel verliert, vergisst er weiterzuerzählen und ist einfach nur noch Mensch. Gewiss, er wird am Ende unseres Aufenthalts auf Trinkgeld hoffen und später auf Überweisungen aus Deutschland („Für einen Laptop“). Aber jetzt und hier ist er mit uns unterwegs, weil er einsam ist und sich über Gesellschaft freut. Und weil er auf seinen Streifzügen durch die Bucht so viele schöne Orte entdeckt hat, die er gerne teilen möchte. Es kommt nur kaum jemand her.

Ob Oma wirklich Oma ist?

Solomon selbst hat es vor fünf Monaten auf der Suche nach Arbeit aus Accra nach Butre verschlagen. In der Hauptstadt ist er in Rapper-Klamotten mit einem Fahrrad und Kühlbox umhergefahren und hat versucht, Eis zu verkaufen. Nachdem er volljährig geworden war und die Schule beendet hatte, durfte er nicht mehr im Waisenhaus bleiben. Er bekam Besuch von einer Frau, die sich als seine Großmutter ausgab. Aber woher sollte er wissen, ob das stimmt? Solomon hatte nie zuvor einen Verwandten gesehen. Und eine Perspektive bot ihm die angebliche Oma auch nicht.

Nun hilft er also am Butre Beach in der kleinen Lodge von Francis, einem ausgesucht höflichen Mann, dessen krause Haare und Henriquatre-Bart schon grau geworden sind. Es gibt dort Hunde, die es sich auf den Liegestühle bequem machen und die Gäste nachts kläffend auf dem Weg zum Klohäuschen verfolgen. Es gibt die Ziegen, die ausgerechnet den hübschen Gartenpavillon als Abort auserkoren haben. Aufgerichtet auf zwei Beinen stehen sie in den Büschen und recken sich nach Blättern, weil sie die untersten Äste schon kahlgefressen haben.

Es gibt Dora, die immerzu lachende Köchin mit ihrer trotzigen kleinen Tochter, und eine Kellnerin, die niemals einen Mundwinkel verzieht. Ihr Dekolleté ist von langen, wulstigen Narben durchzogen. Sie habe sich Chemie auf die dunkle Haut ihrer Brüste gerieben, vermutet Solomon, um sie aufzuhellen. Oder sind die Narben vielleicht doch von einer Bestrafung zurückgeblieben? Unwillkürlich kommen einem bei ihrem Anblick die misshandelten Frauen in Yaa Gyasis Ghana-Epos „Heimkehren“ [Amazon Affiliate Link] in den Sinn. Manche wurden aus Eifersucht von ihren Stiefmüttern malträtiert, andere aus Schutzgründen entstellt, damit niemand auf die Idee kam, sie als Sklavin zu entführen.

Ein schicksalhafter Umweg

Wie jedes Jahr sind Aaron aus der Schweiz und seine Frau Afia für einige Wochen bei Francis zu Gast. Denn ihm verdanken sie, dass sie sich kennengelernt haben. Damals fuhr Francis Aaron von Busua ins Landesinnere, wo der Schweizer bei einem sozialen Projekt mit anpacken wollte. Unterwegs machten die beiden Halt in Afias Dorf, um etwas abzuliefern. In Deutschland käme es einem komisch vor, wenn der Taxifahrer Umwege führe, weil er etwas zu erledigen hat. Hier ist es ganz normal. Das hat nichts mit schlechtem Service zu tun, sondern damit, dass der Mensch nicht so sehr mit seinen Plänen als Individuum zählt, sondern dass für die Gemeinschaft gedacht wird.

Für Aaron hat sich der Umweg mit Francis als schicksalhaft erwiesen. Inzwischen betreibt er eine eigene Berufsschule und hat ein Haus in Afias Dorf gebaut. Er hat sie geheiratet und eine Tochter mit ihr bekommen, die Hochdeutsch, Schweizerdeutsch und Twi spricht. Sie leben in der Schweiz, wo Aaron als Arbeitserzieher und Afia in einer Bäckerei arbeitet. Am Ende dieser Reise, so hoffen sie, werden sie Afias Sohn Kojo aus einer früheren Beziehung mit in die Schweiz nehmen dürfen. Der Antrag bei der Botschaft läuft. Kojo war bei einer Tante zurückgeblieben, muss aber inzwischen in der Schule schlafen. Es gehe ihm nicht gut, sagt Afia, obwohl der Junge es mit der Aufgewecktheit eines Kindes, das alleine klarkommen muss, versteht, auf Fremde zuzugehen. Wie es in seinem kleinen Herzen aussieht, kann man nur erahnen.

In seiner offenen Art ähnelt Kojo dem Hausangestellten Solomon, der ebenso auf sich gestellt ist, mit seinen 19 Jahren allerdings eine ordentliche Portion kindlicher Neugier bereits abgelegt hat. Solomon weiß, sich erwachsener, auf eine unaufdringliche Weise unentbehrlich zu machen. Er trägt dieselbe Frisur wie Afia und genießt es, wenn sie ihm die Haare macht. Nicht nur spart er 90 Cedis für den Friseur, die er sowieso nicht hätte, sondern bekommt für die Dauer der Prozedur auch ihre flinken Finger an seiner Kopfhaut zu spüren. Eine kleine Streicheleinheit für einen jungen Mann, der mit den Mädchen aus seinem Land nichts anfangen kann. „Sie suchen Typen mit Geld, die ihnen ein besseres Leben bieten können“, seufzt er. „Oder sie haben mehrere Affären, um die Männer gegeneinander auszuspielen.“ Dass Solomon ein ausgezeichnetes Englisch spricht und tiefgründige Gespräche darüber führen kann, was im Leben wichtig ist, gilt hier nicht als Attraktivitätsattribut.

Mit einer Sicherheitsnadel hakt sich Afia am unteren Ende seiner dünnen Zöpfchen ein und schlingt sie mehrfach durch die nachwachsenden Haarsträhnen am Ansatz. So oft, bis die Sicherheitsnadel nicht mehr zwischen Kopfhaut und Zopfanfang hindurch passt und die Zöpfchen ein paar Zentimeter länger sind. Anderthalb Stunden dauert die Prozedur bei Solomon. Dann ist er bereit für den heutigen Nachmittagsausflug.

Zehntausend Eier werden die Hühner wohl legen

Diesmal führt er über die abenteuerliche Fußgängerbrücke an der Flussmündung ins Dorf. In Form eines Dreiecks richtet sie sich über dem Wasser auf, um den Booten den Weg aus dem kleinen Hafen in der Lagune aufs offene Meer nicht zu versperren. Fotos von früher zeigen, dass die Bretterkonstruktion mit Geländer ein deutlicher Fortschritt gegenüber der Vorgängerbrücke ist. Die bestand lediglich aus ein paar Treibholzstöcken und breiten Lücken dazwischen und erhob sich noch viel steiler über die Bucht. Manchmal stürzte jemand ab.

Auf den ersten Blick ist Butre ein trauriges Dorf. Es wirkt eng und schmutzig, vereinzelt liegen Exkremente herum. Man meint, auch menschliche zu erkennen. Die Geschäfte und Essensstände sehen düster aus. Kaum eins der eng aufeinander hängenden, wenig ästhetisch zusammengezimmerten Häuser ist gestrichen. Nur die Unterkunft der Lehrer der örtlichen Schule wirkt gepflegt. Solomon jedoch sieht in Butre nur Schönheit. Er sieht Menschen, die einander seit Ewigkeiten kennen, gemeinsam im Freien kochen und schwatzen, wenn die Hitze des Tages langsam nachlässt. Die miteinander Handel treiben und sich gegenseitig bei ihren Projekten helfen. Er wünscht sich, er gehörte dazu. Doch es dauert, bis sie einen Fremden in die Dorfgemeinschaft aufnehmen. Der 19-Jährige hat ein kleines Zimmer gemietet, würde aber so gern ein Häuschen mit zwei Räumen bauen und Hühner kaufen. Zehntausend Eier würden sie sicher legen, rechnet er, einige könnte er selber essen, den Großteil verkaufen. Aber das Geld, das er verdient, reicht nicht.

Dann ist kein Gespräch mehr möglich, denn auf dem Dorfplatz dröhnt Musik aus acht riesigen modernen Boxen. Ein Höllenlärm, wem kann denn das gefallen? Und wie hat es diese Stadionkonzertanlage hierher geschafft? … [WEITERLESEN]

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Die ganze Reisereportage „Solomons Bucht: Butre, Ghana“ gibt es hier:

MaMagazine – Ausgabe No. 01/2025

Inhalt

  • Reportage: Liebeserklärung an einen Musikkeller (Seite 2)
  • Reisebericht aus Ghana: Solomons Bucht (Seite 6)
  • Gedicht: Melancholie eines Kindes (Seite 13)
  • Rezension: Drei Film- und Serientipps zur Einstimmung auf deine Australien-Reise (Seite 14)
  • Kurzgeschichte: Wielander im Keller und auf dem Dach (Seite 16)
  • Kolumne: Mein Schottenrock für Jürgens Frau (Seite 20)
  • Reportage: Die Flip Flop-Fische von Airlie Beach (Seite 23)
  • Reisebericht aus Albanien: Fest auf dem Boden stehen und wachsen (Seite 26)
  • Rezension: Sich vorurteilsfrei auf die Netflix-Serie „Supersex“ einlassen (Seite 31)
  • Gedicht: Rosenfolter (Seite 35)
  • Kurzgeschichte: Matteo und der Zauberer (Seite 36)