Lindita, Flamur und Hava möchten ihr Land verlassen. Schweren Herzens, denn Heimat und Familie bedeuten ihnen alles. Aber in Albanien sehen sie keine Zunkuft für sich. Die schwindelerregend rasante Modernisierung im Land geht völlig an ihnen vorbei. Und so ackern sie, auch wenn der Prozess sich immer weiter verzögert und viele ihrer Kommiliton*innen schon aus dem Programm ausgeschieden sind, für ihr Ziel, als Pflegekräfte in Deutschland zu arbeiten.
Schon eine Stunde nach der verspäteten Landung mit einem Flugzeug ohne jegliches Logo sind wir wieder mittendrin im albanischen Alltag. Das Gassengewirr beginnt nur wenige Schritte hinter dem zentralen Skanderbeg-Platz mit seinen asymmetrischen Wolkenkratzern, von denen einer wie der Kopf eines Nationalhelden, ein anderer wie ein Lego-Bausatz aussieht. Entweder schaut der Taxifahrer, der auf Englisch nur „little speak“ sagen kann, bloß mit halbem Auge auf sein Navi oder die GPS-Positionsbestimmung funktioniert hier nicht. Jedenfalls setzt er uns in der falschen Gasse ab. Kreditkartenzahlung geht auch nicht. Außerdem gibt es gerade einen kleinen Stau. Zwei alte Herren palavern mitten auf der Straße herzlich miteinander.
Die Fenster unserer Familienpension zeigen in einen Hinterhof, der in seiner Unvollkommenheit geradezu malerisch ist: links ein Baugerüst, unten ein Flachdach, auf dem das Regenwasser steht, und rechts Balkone, Satellitenschüsseln, Stromkabel, Klimaanlagen, Wäscheleinen in wilden Arrangements entlang der unverputzten Backsteinwand. Ach ja, und bei dem Grünzeug ist nicht ganz klar, ob das Kräuterbeete sein sollen oder ob es Unkraut ist, das aus den Mauern wuchert. Ein amerikanischer Tourist beschwert sich über angeblich toxische Dämpfe, die von diesem Hof aus in sein Zimmer ziehen.
Spezialität: Pizzaschnecken
Im Restaurant Ufo an der verkehrsreichen Rruga Urani Pano warten wir auf Lindita und Flamur, denen wir heute ihre Arbeitsverträge überreichen wollen. Die brauchen sie für ihren Visumsantrag. Als Spezialität werden im Ufo Pizzaschnecken serviert – Weißmehl und Fleisch dominieren wie überall in Albanien die Speisekarte. Ungewollt finden wir uns in einem Disput mit der Bedienung wieder. Wir hatten nur nach dem Kassenbeleg gefragt, doch der Kellner ist überzeugt, ihn uns bereits gegeben zu haben. Aufgebracht und wortreich erklärt er auf Albanisch, dass er uns den Bon ganz sicher kein zweites Mal ausdrucken werde, weil die Summe dann nämlich von seinem Gehalt abgezogen wird.
Das verstehen wir nur, weil Flamur inzwischen eingetroffen ist und übersetzt. Wir stecken zwar in einem ähnlichen Dilemma, denn ohne Beleg können wir die Bewirtungsauslagen nicht beim Arbeitgeber geltend machen, aber jetzt geht es nur noch darum, den Kellner zu beruhigen und nicht denselben unsympathischen Touristeneindruck zu hinterlassen wie der Amerikaner mit seinen toxischen Dämpfen. „Faleminderit“ heißt „Danke“ auf Albanisch und setzt sich aus den Worten „Beten“ und „Ehre“ zusammen.
Um Selbstverwirklichung geht es hier nicht
Lindita taucht auf, hat inzwischen schwarz gefärbte, lange Haare und wirkt noch schmaler als vor einem halben Jahr. Aber auch erwachsener, irgendwie eleganter. „Ich arbeite jetzt bei Zara“, erzählt sie, und das schockiert uns ein wenig. Denn eigentlich ist sie Pflegekraft und soll in einigen Monaten nach Deutschland kommen. Wenn sie die Zeit im Einzelhandel überbrückt, verpasst sie erstens die Gelegenheit, praktische Berufserfahrung zu sammeln, und zweitens verliert sie vielleicht sogar ganz das Interesse an der Arbeit im Schichtdienst. Aber vielleicht sind das auch allzu deutsche Befürchtungen. Lindita hat ja keine Wahl, sie muss hier weg.
Selbstverwirklichung spielt bei der Entscheidung keine Rolle, die moderne Parallelwelt in Tirana hat mit ihrem Leben nichts zu tun. Zwar gibt es Hipster-Cafés wie das Mulliri Vjeter in der Rruga e Barrikadave, die ihren Berliner Pendants in nichts nachstehen. Aber die können sich die jungen Einheimischen nicht leisten. Selbst wenn wir bezahlen, bestellen sie aus Höflichkeit nur ein Wasser, so sehr sind sie ans Sparen gewöhnt. Das Leben in Tirana wird immer teurer. Ein Ein-Zimmer-Appartement kostet inzwischen umgerechnet 500 € Miete, vor einem Jahr waren es noch 300. Ein*e Berufseinsteiger*in in der Pflege verdient aber nur 700 bis 900 €. Viele Freund*innen „unserer“ Pflegekräfte haben das Land schon verlassen und arbeiten inzwischen in Belgien, Italien oder England.
Star-Architekt*innen bauen um die Wette
Um zu sehen, wie das Leben jenseits der Wolkenkratzer, die internationale Star-Architekt*innen in Tirana gerade um die Wette und fast ohne jede Regulierung bauen dürfen, weil die albanische Regierung damit beeindrucken will, muss man nur durch die kleinen Nebenstraßen des Boulevards Zhan d’Ark oder der Rruga Luigj Gurakuqi schlendern. Auf Google Maps haben sie nicht einmal Namen. Dort hängen ganze, tote Schafe in den Schaufenstern der Metzgereien, Männer sitzen beim Kreuzworträtsel vor kleinen Kaffeestübchen. Ein Schuhputzer mit Originalutensilien aus dem 19. Jahrhundert wartet auf Kundschaft – und das ist kein Nostalgie-Geschäft.
Frauen wühlen in Bergen aus gebrauchter Kleidung, die die Händler einfach an den Straßenrand gekippt haben. Die Auslage eines Schuhgeschäfts im Souterrain besteht aus hunderten einzelnen Schuhen, die an den Schnürsenklen aufgehängt von Geländern und Rohren baumeln. Ein verschmitzter alter Herr mit einer Schiebermütze, der auf einem Hocker am Straßenrand sitzt, will mir zuviel Geld für die selbst gesammelten Walnüsse abknöpfen. Getrocknete Kamillenblüten hätte er sonst auch noch im Angebot. Eine vorbeigehende Frau zeigt mir diskret mit den Fingern den richtigen Preis. „Little speak!“
Gleichzeitig herzlich und unwirsch
Albanien ist roh. Unfertig. Unmittelbar. Für mich als Mensch aus einer wohlsortierten Gesellschaft fühlt sich die Atmosphäre so viel echter an als zu Hause. Man quält sich nicht mangels existenzieller Probleme mit Quarter- oder Midlife-Crisis, sondern es geht nur darum, wie man sich heute wieder durch den Tag schlägt. Das ist aufregend. Mein Herz quillt über vor Zuneigung zu den Einheimischen, die ebenso herzlich wie unwirsch sein können. Im einen Moment fragt einer ganz begeistert: „Aus welchem Bundesland kommt ihr?“, als er uns Deutsch sprechen hört, weil er selbst schonmal einige Jahre in Deutschland gelebt hat. Im nächsten Moment zockt uns ein anderer beim T-Shirt Kaufen ab.
Eine demente Seniorin läuft desorientiert umher und spricht hier und dort jemanden an. Man scheint sie zu kennen und kümmert sich darum, dass sie auf ihrem Weg weiterkommt. Während die meisten Tourist*innen sich das Stück Berliner Mauer auf dem Platz der Opfer der Nation, die Gedenkpyramide für den ehemaligen Diktator, die heute ein Hightech-Hub ist, oder das Ausgehviertel Blloku ansehen, das in der kommunistischen Ära ein Sperrgebiet für hochrangige Politiker war, mag ich die „old neighbourhoods“, wie der Koordinator für internationale Kooperationen der Universität sie nannte, so viel lieber.
Wäscheleinen und Dominotische
Man darf das alles natürlich nicht romantisieren. Ich muss ja hier nicht meinen Lebensunterhalt bestreiten. Ich kann das wunderbare Durcheinander aus Alt und Neu bestaunen. Die Frauen mit viel Glitzer an Jacken, Handys und Fingernägeln neben den Frauen, die im Kittel an der Kreuzung hocken und Rosen verkaufen. Die 15 wettergegerbten Männer mit Schaufeln, die wenig effizient darüber debattieren, wie ein kreisrundes Parkbeet am besten auszuheben sei. Sie wissen wahrscheinlich nichts mit neumodischer Städteplanung anzufangen und würden lieber ihre öffentlichen Dominotische behalten. Dort treten am Sonntag Opas in braunen Lederjacken gegen neureiche, mittelalte Geschäftsmänner mit Pilotensonnenbrillen an. Und drumherum stehen Trauben aus noch mehr Männern und schauen zu.
Sie zu fotografieren, käme mir voyeuristisch vor, stattdessen zücke ich das Smartphone bei jeder Wäscheleine, die pittoresk von einem baufälligen Balkon hängt. Ist das noch Interesse an anderen Welten oder schon „Dark Tourism“ (Armutstourismus), wenn ich das marode Alte schöner finde als die Glas- und Stahlpaläste? Es wirkt alles so heimelig! Aber das ist leicht gesagt, wenn man seine eigene Wäsche zu Hause zum Trocknen in den Tumbler stecken kann.
Vor einem Jahr im Frühling habe ich das erste Onlinevorstellungsgespräch mit Lindita geführt, im darauffolgenden Oktober, es hatte mittags immer noch 24 Grad, habe ich sie zum ersten Mal in Tirana getroffen. Da waren ihre Haare noch straßenköterblond und sie wirkte zuversichtlich, was ihre Migrationspläne anging. „Ich weiß, dass ich das schaffe“, sagte sie in einem Café in der ehemaligen byzantinischen Festung, in der sich heute Souvenirshops aneinanderreihen. „Ich bin in meinem Leben schon viel umgezogen, habe in Griechenland und Albanien gelebt, mein Vater hat fünf Jahre lang in Deutschland gearbeitet, aktuell ist er in der Slowakei. Unsere Familie ist immer unterwegs und Heimat ist für mich nicht ein Ort, sondern es sind die Menschen, die ich liebe.“
Ein Pflegeberuf ist die vernünftige Wahl
Um auf eine bessere Schule zu gehen, ist Lindita schon früh von zu Hause ausgezogen und organisiert ihr Leben seit langem eigenständig. „Das hat mich stärker und reifer gemacht“, findet sie. „Ich mag Herausforderungen und gebe nicht gleich auf. In Albanien sagen wir: ‚Më kembë, në tokë‘. Das bedeutet im übertragenen Sinne: Wer mit beiden Beinen fest auf der Erde steht, wird wachsen.“ Als Kind wollte Lindita Sängerin werden, denn in Griechenland war sie im Schulchor und hat die Weihnachtsauftritte geliebt. Als Jugendliche kam ihr die Idee, Biologin zu werden und zu forschen, denn sie ist gerne in der Natur. Aber in dem Bereich gibt es nicht viele freie Stellen. Ein Pflegeberuf ist wirtschaftlich vernünftiger.
„Als mein Opa krank wurde, habe ich gemerkt, was gute Pflege für mich bedeutet und dass ich es besser machen kann als die Pflegekräfte, die ihn betreut haben“, hat Lindita vor einem halben Jahr auf die Frage nach ihrer Motivation gesagt. Aber sie hat auch damals schon davon geträumt, nebenberuflich „etwas mit Mode zu machen“. Sich weiterzuentwickeln und neues Wissen zu erlangen, sei immer gut, so waren ihre Worte, aber vielleicht hat sie damit auch angedeutet, dass sie nicht lange in der Pflege bleiben will …[WEITERLESEN]

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Inhalt
- Reportage: Liebeserklärung an einen Musikkeller (Seite 2)
- Reisebericht aus Ghana: Solomons Bucht (Seite 6)
- Gedicht: Melancholie eines Kindes (Seite 13)
- Rezension: Drei Film- und Serientipps zur Einstimmung auf deine Australien-Reise (Seite 14)
- Kurzgeschichte: Wielander im Keller und auf dem Dach (Seite 16)
- Kolumne: Mein Schottenrock für Jürgens Frau (Seite 20)
- Reportage: Die Flip Flop-Fische von Airlie Beach (Seite 23)
- Reisebericht aus Albanien: Fest auf dem Boden stehen und wachsen (Seite 26)
- Rezension: Sich vorurteilsfrei auf die Netflix-Serie „Supersex“ einlassen (Seite 31)
- Gedicht: Rosenfolter (Seite 35)
- Kurzgeschichte: Matteo und der Zauberer (Seite 36)
