2022 lud der belgische Chocolatier und Aussteiger Patrick DeVuyst Autorin Maja Roedenbeck auf einen Kaffee und einen Schwatz in seine Schokoladenmanufaktur in Musanze, Rwanda, ein. Anschließend packte er ihr die Taschen mit Pralinen und Schokoriegeln voll. Vier Jahre später nimmt sie erneut Kontakt auf – neugierig zu erfahren, wie sich sein Unternehmen und sein Leben in Afrika entwickelt haben.
Titelbild: Teamfoto, Copyright Chocolats Caractère
Es ist vier Jahre her, seit ich in Rwanda gewesen bin, aber nie habe ich Patrick DeVuyst, den Schokoladenmann, vergessen. Er lebt in Musanze, im Norden des Landes an der Grenze zu Uganda und der Demokratischen Republik Kongo. Von dort aus kann man zum Berggorilla-Trekking in den Hängen der Virunga-Vulkane aufbrechen. Trotz der beeindruckenden Fauna und Flora ist die Stimmung düster. „Ich habe mir bewusst ein Haus gegenüber der Kaserne gesucht und sehe zu, dass ich mich mit den Soldaten gut stelle“, sagte Patrick damals. „Die Rebellen aus dem Grenzwald verüben hier gelegentlich Anschläge oder nehmen Geiseln.“
Im Jahr 2022 eskalierte der Konflikt zwischen Rwanda und der Demokratischen Republik Kongo (DRK) gerade wieder einmal. Dass Patrick DeVuyst sich sein neues Leben ausgerechnet an diesem Ort aufgebaut hat, und dass er ihn trotzdem mag, hat verschiedene Gründe. Doch um sie zu erfahren, musste ich den Chocolatier erstmal finden. Ohne einen Tipp aus der Expat-Community hätte ich nicht gewusst, dass er überhaupt existiert. Von Beschriftungen und Schildern scheinen sie in Rwanda nämlich wenig zu halten.
Kakaobohnen mit Charakter
Von Einheimischen frequentierte Läden oder Restaurants sind oft Betonkabuffe, bei denen man mangels Hinweisen und Auslage nur, indem man den Kopf in die dunklen Türlöcher steckt, herausfinden kann, was sie eigentlich verkaufen. Bei Google Maps sind sie entweder überhaupt nicht oder nur so ungefähr da eingetragen, wo sie sich befinden. Interessante Geschäfte wie die Käserei auf halbem Weg an der Landstraße zwischen Kigali und Kibuye oder Patricks Manufaktur in der Distrikthauptstadt Musanze muss man schon kennen.
„Ich habe meine Firma Chocolats Caractère genannt, weil Kakaobohnen Charakter haben, genau wie Whiskey“, erklärt der Belgier. „Wenn man Whiskey trinkt, reagiert der Körper stark. Durch den hohen Alkoholgehalt und die Gerbstoffe ist er bitter und scharf, aber man genießt ihn trotzdem. Mit der Kakaobohne verhält es sich genauso. Wenn man sie roh isst, kräuselt man unwillkürlich die Lippen, als hätte man in eine Zitrone gebissen. Bei Chocolats Caractère achten wir darauf, dass dieser besondere Charakter erhalten bleibt. Wir produzieren nicht das künstliche Zeug, das in Dubai und Qatar als Schokolade verkauft wird.“
„Ich suche den Schokoladenmann“
Und so schlendere ich an einem heißen Mittwochmorgen im Juni 2022 suchend eine Straße im südwestlichen Teil der Stadt auf und ab – bei Google Street View existieren davon bis heute keine Bilder – und klopfe versuchsweise an eines der hohen Stahltore. Ein Rwander im weißen Kittel mit einem blauen Perlenarmband und einem sorgfältig rasierten Kieferlinienbart schiebt es ein Stück beiseite und ich sage durch den Spalt: „Ich suche den Schokoladenmann!“ Fabrice winkt mich herein und führt mich zu einer Sofaecke im Haus. Dann kehrt er auf die Veranda zurück, um Pizzakartons aus Pappresten zuzuschneiden. Wie ich später erfahre, sind sie in Rwanda nicht verbreitet und Patrick hat ein Nebengeschäft daraus gemacht.
Vielleicht habe ich ihn geweckt, denn es dauert eine Weile, bis der gebürtige Belgier erscheint. So kann ich mich in Ruhe im Zimmer umsehen. In den Vitrinen aus dunklem Holz liegt die Schokolade zum Verkauf bereit. Weiße, braune und dunkelbraune Riegel in den Geschmacksrichtungen Kaffeebohne, Ingwer, Zitronengras oder Pill-Pill. Das ist eine lokale Gewürzmischung, die Chilischoten enthält. Auch Schokoladenostereier in grüner Alufolie sind übriggeblieben. „Die ersten Pralinen, die direkt in Rwanda hergestellt werden“, heißt es auf der Website, „kombiniert mit den Geschmäckern Ostafrikas.“
Kundenservice mit Pläuschchen
Patrick setzt sich im blau-bordeaux karierten Hemd zu mir und bietet mir einen Kaffee an. Meiner Expat-Freundin ist es genauso ergangen. Ein Pläuschchen mit dem Inhaber gehört bei Chocolats Caractère zum Kundenservice dazu, viele B2C-Kontakte gibt es ja nicht. Ein Geschäft mit Publikumsverkehr betreibt Patrick nur im Mundi Center in Kigali. In Musanze könnte man es wohl eher „Fabrikverkauf“ nennen. Wobei die Fabrik nur aus einem mächtigen Tisch besteht, der hinter einem raumteilenden Hygienevorhang zum Vorschein kommt.
„Ich werde oft gefragt, warum ich keine Verpackungsmaschine einsetze, um die Produktion hochzufahren. Gerade unsere Großkunden wie Hotelketten halten ein Unternehmen für moderner, je automatisierter die Prozesse sind. Eine Maschine könnte 300 Schokoladen pro Minute einwickeln, wir schaffen manuell 900 bis 1.000 am Tag“, wird Patrick mir bei meinem Videoanruf vier Jahre später vorrechnen. „Doch wenn ich eine Maschine hätte, könnte ich keine Arbeitsplätze mehr anbieten, und das ist doch das Wichtigste! Ich finde es schön zu wissen, dass Einheimische durch die Arbeit, die ich ihnen gebe, ihre Familien ernähren können.“
Lebenslauf eines Aussteigers
Der Aussteiger schiebt seine metallicblaue Brille auf den Kopf mit dem grauen Haarkranz und fasst seinen Lebenslauf so zusammen: „Ich war eine erfolgreiche Führungskraft in der belgischen Schokoladenindustrie, bis mich die Midlife Crisis gepackt hat.“ Laut seinem LinkedIn-Profil hat der Belgier in den 1980er Jahren an der Hogeschool in Gent Lebensmitteltechnologie studiert und dann 16 Jahre lang ein beständiges Berufsleben als Produktionsmanager in einem Elektronikfachhandel, zuständig für die Wissensmanagement-Software und das Qualitätshandbuch, geführt.
Dann begann eine Phase der Suche, während der Patrick als festangestellter Produktionsmanager und freier Berater Einsätze bei Tierfutter-, Logistik- und Seafood-Unternehmen absolvierte, immer mit dem Auftrag, Produktivität und Effizienz zu steigern. Fünf Jahre Berufserfahrung hat er in drei Pralinenfirmen gesammelt, war unter anderem für die Markteinführung von Schokolade mit dem Süßungsmittel Stevia und die Entwicklung eines Premiumpralinensegments zuständig.
Seit dem Eintrag von 2013 ist das LinkedIn-Profil nicht mehr gepflegt worden. Eine Art Arbeitsgesuch hat Patrick dort noch hinterlassen, bevor er sich auf den Weg nach Afrika machte: „Angesichts der schwierigen Wettbewerbssituation westlicher Fertigungsunternehmen möchte ich meine jahrzehntelange Produktionserfahrung und mein strategisches Denken weiterhin in den Dienst kleiner und mittelständischer Fertigungsunternehmen stellen.“
Jenseits von Belgien
2016 ließ DeVuyst seinen Alltag zurück und fand sich in Musanze wieder. „Die Nonnen gewährten mir Unterschlupf“, erzählt er. „Und ich überlegte, was ich mit dem Rest meines Lebens anstellen wollte.“ Dabei ging es ihm mehr darum, eine befriedigende Beschäftigung zu finden, als darum, ein erfolgreiches Business aufzubauen. „Von der Wirtschaft und dem Kommerz hatte ich ja gerade die Nase voll! Ich wollte mir einfach nur meinen Lebensunterhalt verdienen, dabei eine gute Zeit haben und so wenig wie möglich Aufmerksamkeit erregen.“ Seine Mahlzeiten nimmt DeVuyst in den Imbissbuden ein, in denen auch die Einheimischen verkehren – eine subtile Botschaft, dass hier kein Goldesel aus dem Globalen Norden gekommen ist, um jemanden auszuhalten. Stolz trägt er den Namen „Der weiße Mann, der kein Geld hat“, den sie ihm gegeben haben.
Mit einem kleinen Importbusiness von Kakaobohnen aus der Demokratischen Republik Kongo fing alles an. „Eines der besten Anbaugebiete der Welt liegt nur 300 Kilometer von Musanze oder Goma entfernt“, schwärmt Patrick. Mit zwei Mitarbeitenden begann er, Schokolade nach belgischen Rezepten herzustellen und an Hotels zu verkaufen, die sie ihren Gästen als Begrüßungsgeschenk aufs Kopfkissen legten. Nach und nach kamen Gussformen in Gorilla-, Weihnachts- und Valentinstagoptik dazu. Bei der Verpackung sind Spezialanfertigungen mit Kundenlogos und personalisierten Botschaften möglich. Die Marketingtexte auf der Website lassen erahnen, dass der Schokoladenmann von Musanze Berufserfahrung bei den Branchenprofis gesammelt hat: „Wir reisen um die Welt, um die feinsten Zutaten für unsere Pralinen-Meisterwerke zu finden“, heißt es dort: „100 Prozent nachhaltig – keine chemischen Zusatzstoffe nötig!“
Die alte und die neue Familie
Seine Familie in Belgien vermisst DeVuyst durchaus. „Einer meiner inzwischen erwachsenen Söhne hat mich in Rwanda besucht, aber nicht wirklich verstanden, was ich hier will.“ Einmal im Jahr, wenn die Schokoladen-Hauptsaison, die von Nikolaus über Weihnachten, Neujahr, Valentinstag, Frauentag und Ostern bis zum Muttertag geht, vorbei ist, fährt er für drei oder vier Wochen nach Hause, um seine Eltern zu besuchen, zum Zahnarzt zu gehen und Verpackungsmaterial zu kaufen.
2025 hat der Auswanderer eine Rwanderin geheiratet. Sie brachte zwei Kinder von einem anderen Weißen mit in die Ehe. „Meine Frau würde gerne in Belgien leben und ‚big business‘ machen“, erzählt er. „Aber ich kann nach zehn Jahren in Afrika nicht so einfach zurück. Mein ganzes Geld steckt in meinem Unternehmen in Musanze. Wenn man drei Jahre nicht mehr in die belgische Sozial- und Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, wird man wie ein Student eingestuft und muss ein Jahr lang versuchen, einen Job zu finden, bevor man Unterstützung bekommt. Das ist im Alter von 62 Jahren nicht so einfach. Ich bin auch nicht mehr krankenversichert.“
DeVuyst beschreibt sich als Eigenbrötler. „Ich war schon immer ein spezieller Typ, habe meine alten Schulfreunde kürzlich nach 40 Jahren zum ersten Mal wiedergesehen“, erzählt er. In Rwanda umgibt er sich lieber mit Einheimischen als mit anderen Expats. In Musanze leben nur 13 Weiße dauerhaft, andere kommen für drei Monate oder ein Jahr, um missionarische Arbeit zu leisten. „Sie fühlen sich wie im Urlaub“, beobachtet Patrick. „Sie verdienen als Entwicklungshelfer zwar nicht allzu viel, aber sie haben ein Haus und ein Auto mit Fahrer. Ihre Projekte sind nicht darauf angelegt, irgendwann erfolgreich abgeschlossen zu sein. Das frustriert mich. Denn ich versuche, mich wirklich zu integrieren und nachhaltig zu helfen.“
Weder romantisierend, noch verbittert
Das Auswandererdasein verklärt der Chocolatier nicht mit der rosaroten Brille, seine Einstellung zum Aufeinandertreffen der Kulturen wirkt differenziert – weder romantisierend, noch verbittert. Interkulturelle Herausforderungen gibt es weniger wegen der Religion – ein Großteil der Rwander sind Christen, Patricks Mitarbeitende Katholiken – wohl aber aus anderen Gründen: „Sie leisten alle gute Arbeit, aber es liegt nicht in ihrer Natur, Eigeninitiative zu zeigen“, erklärt DeVuyst. „Wenn ich ihnen nicht genau sage, was sie tun sollen, warten sie auf mich. Wenn ich in Belgien bin, muss ich jeden Tag anrufen und mir ausführlich erzählen lassen, wer mit welcher Frage ins Geschäft gekommen ist, um dann zu entscheiden. ‚The boss must confirm‘, heißt es immer. Sie haben große Angst, etwas falsch zu machen. Nach all der Zeit und obwohl ich viel Mühe in Empowerment investiere, muss ich die Verantwortung immer noch alleine tragen.“
Arbeiten geht bei afrikanischen Kooperationspartnern anders als in Mitteleuropa, das habe ich selbst erlebt. Statt langfristige Strategien zu entwickeln, wird eher von Tag zu Tag geplant. Ein Spatz in der Hand zählt mehr als die Taube auf dem Dach. Viele Expats haben Schwierigkeiten, sich daran zu gewöhnen. Patrick sucht Lösungen. Inzwischen beschäftigt er fünfzehn Mitarbeitende – Bachelorabsolventen aus der Lebensmitteltechnologie, die allerdings oft aus der Hauptstadt nach Musaze pendeln und vergleichsweise hohe Gehälter fordern, und darum am liebsten Menschen aus der Nachbarschaft, die zu Fuß zur Arbeit kommen können. „Unser lokales Team ist eine eng verbundene Gruppe“, schwärmt Patrik. „Es fühlt sich immer noch so an wie damals, als wir nur zu dritt waren.“
Mitarbeitermotivation auf Afrikanisch
Jean-Pierre ist seit 2018 dabei, inzwischen ist er Verpackungsmanager und Supervisor. Sabrine Maombi stieß 2019 dazu. „Ich habe meine Leidenschaft gefunden“, sagt die Ladenbetreiberin und Verpackungsmanagerin über die Arbeit mit der Schokolade. Nadine ist Produktionsleiterin: „Meine Lieblingsaufgabe ist es, Pralinen und Schokolade mit Kaffeegeschmack herzustellen.“ 2021 kam Mitarbeiterin Joyeuse Noella Igirimpuhwe ins Team. Sie wurde in der Produktion von Schokolade ausgebildet und kann sie als Springerin überall dort eingesetzt werden, wo sie gebraucht wird. Janviere Tuyishime arbeitet seit 2022 bei Chocolats Caractère: „Ich liebe es, Schachteln für unsere Pralinen zu kreieren“, sagt sie.
Um seine Mitarbeitenden zu Engagement und Loyalität zu motivieren, hat Patrick für seine kleine Firma fünf Kernwerte definiert, die es einerseits mit den Mitarbeiterbindungsstrategien großer europäischer Unternehmen aufnehmen können, andererseits aber auch die Eigenheiten in Afrika adressieren: „Sei mutig: Handle proaktiv, triff Entscheidungen, übernimm Verantwortung und probiere Neues aus“, fordert er sein Team auf. „Sei neugierig: Stelle Fragen, recherchiere. Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten, fordere dich selbst heraus, lerne stetig dazu.“
„Die Menschen in Rwanda sind dankbar für Arbeit“
Trotz aller Herausforderungen kommt Patrick mit der Arbeitswelt in Afrika besser klar als mit der in Europa. „In Belgien habe ich immer versucht, … [WEITERLESEN]

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Die ganze Reisereportage „Der Schokoladenmann im Land der Berggorillas“ kannst du in MaMagazine – Ausgabe No. 03 (2026) lesen. Darin berichtet Patrick, wie die Ebola Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo im Jahr 2026 seine Arbeit beeinflusst, wie die Nachwehen des Genozids von 1994 auch mehr als 30 Jahre später noch den Alltag in Musanze prägen und welche Zukunftspläne er für Chocolats Caractère hat.
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Inhalt
- Reisebegegnung: Afrikanerin im Herzen – Wie ich mit Aussteigerin Petra auf Safari ging – Seite 56
- Editorial – Seite 1
- Reisereportage aus Uganda: Wie ich zwischen Bananenstauden und Eimerdusche ein Stück Glauben wiederfand – Seite 2
- Wie wird eine Künstlerin eine Künstlerin? Spurensuche im Leben von Patti Smith – Seite 6
- Kurzgeschichte: „Ich weiß“, sagt Paul – Seite 12
- Gedicht: Stolen – Seite 17
- Reisereportage aus Rwanda: Der Schokoladenmann bei den Berggorillas – Seite 19
- Feral Folk Festival: „Danke, dass ihr uns unser Ding machen lasst! – Seite 26
- Kurzgeschichte: Scheint so, als wär‘ das das Leben – Seite 31
- Selbsterfahrung im Ashram: Mit dem Mopp in der Hand unterwegs zur Erleuchtung – Seite 37
- Interview: Der Pflanzenflüsterer – Wenn Gummibäume sprechen könnten – Seite 52
- Gedicht: Versuchung – Seite 55
