Schon lange bevor sich ihre Wege kreuzten, verband Dr. Corinna Hölzer und Cornelis Hemmer etwas Grundlegendes: ein Gefühl dafür, wie verletzlich, bedeutsam und zutiefst berührend die Natur ist. Als Jugendliche trugen sie unabhängig voneinander Kröten und Molche über den Asphalt, damit sie nicht überfahren wurden. Eine kleine Geste – und ein erster Protest gegen die allzu schnelle, laute, gedankenlose Welt. Warum Naturschutz keine abstrakte Aufgabe, sondern etwas sehr Persönliches ist, erzählen die Gründer der Stiftung für Mensch und Umwelt im Interview.
Wie kam es dazu, dass Sie Ihr Lebenswerk dem Natur- und Umweltschutz widmen?
Cornelis Hemmer: Ich bin 1963 geboren und habe früh gespürt, wie nah mir die Natur ist. Mein Schlüsselmoment war besagter Einsatz beim Naturschutzbund Deutschland (NABU), als ich meine Großeltern in Wolfsburg besuchte. Ich war 16 Jahre alt, trug Kröten und Molche über die Straße und mir wurde schlagartig klar, wie sehr unser modernes Leben – Autos, Straßen, Geschwindigkeit – Tiere gefährden kann, ohne dass es jemand bemerkt. Dieses Gefühl, Verantwortung für die Natur übernehmen zu müssen, kam und blieb.
Ich verfolgte die großen Umwelt- und Friedensbewegungen der 1970er und 80er Jahre, machte Zivildienst in der Schutzstation Wattenmeer auf Pellworm und studierte Soziologie und Naturwissenschaften. Doch in den 1990er Jahren gab es im Umweltschutz kaum Stellen. Nach unzähligen Bewerbungen fand ich Arbeit im Grünflächenamt Hannover und später beim BUND, wo ich übergreifende Naturschutzkonzepte entwickeln durfte. Diese Aufgaben haben mich geprägt und ich habe gelernt, wie viel Engagement nötig ist, damit Natur im politischen Alltag überhaupt sichtbar wird.
Dr. Corinna Hölzer: Ich bin 1965 geboren und wusste schon als Kind ziemlich genau, wohin ich wollte. Mich faszinierte das Verhalten von Tieren – wie sie kommunizieren, entscheiden, sozial handeln. Konrad Lorenz war mein großes Vorbild, und ich habe in jedes Klassen-Steckbriefbuch geschrieben, dass ich einmal „Konrad Lorenz Nummer zwei“ werden möchte. Nach meinem Studium der Biologie habe ich in Neuseeland im angewandten Artenschutz promoviert. Dort wurde mir noch stärker bewusst, wie sehr wir darauf angewiesen sind, Biodiversität nicht nur zu erforschen, sondern verständlich zu machen.
2001 gründete ich mein Medienbüro Green Media Net, das sich auf ökologische Kommunikation spezialisierte. Wir arbeiteten unter anderem an der ersten nationalen Biodiversitätsstrategie mit, die 2007 im Bundestag verabschiedet wurde. Parallel gründete ich 2000 das Umweltforum für Aktion und Zusammenarbeit, um Akteure des Nachhaltigkeitsbereichs zu vernetzen. 2018 habe ich mein Medienbüro aufgegeben, um mich vollständig der Stiftung zu widmen. Mein Antrieb ist derselbe wie früher, als ich Kröten über die Straße getragen habe: Natur braucht Menschen, die nicht wegschauen – und Menschen brauchen Natur.
Wie wurden Sie ein Paar – beruflich wie privat?
Hemmer: 2004 lernten wir uns auf einer Naturschutztagung kennen. Schon am ersten Abend hatte ich das Gefühl: Da ist jemand, der Natur genauso ernst nimmt wie ich – nicht theoretisch, sondern ganz nah am Herzen.
Hölzer: Es war Liebe auf den ersten Blick! Aus unserer Begegnung entstand unser gemeinsamer Weg und im Jahr 2010 gründeten wir die Stiftung für Mensch und Umwelt. Seitdem arbeiten wir daran, Menschen wieder spüren zu lassen, dass Naturschutz nicht nur wichtig, sondern eigentlich doch total menschlich ist. Jeder kann etwas beitragen.
Hemmer: Oft reicht schon ein kleiner Anfang – manchmal ein einziger Quadratmeter. Dann packt es die Menschen und der Funke der Begeisterung ist übergesprungen! Das macht uns am meisten Freude, wenn wir das merken.
Welchen Ansatz verfolgen Sie mit Ihrer Stiftung?
Hemmer: Für uns war früh klar, dass wir etwas schaffen wollten, das bleibt. Leider hat es mit unserem Kinderwunsch nicht geklappt, und so wurde die Stiftung unser „Baby“. Weil eine Stiftung mehr Gewicht in Politik und Öffentlichkeit hat als ein Verein, wollten wir auch ohne viel Kapital unbedingt eine Stiftung aufbauen. Dass der Bundesverband Deutscher Stiftungen uns dabei ideell unterstützte, tat uns gut. Wir waren natürlich unsicher, irgendwie alles andere als typische Stiftungsgründer.
Hölzer: Wir verstehen uns als „Kommunikationsbude für Natur- und Umweltschutz“. Unser Ziel ist es, Menschen an ein Thema heranzuführen, das eigentlich ein Grundbedürfnis berührt, aber oft zu abstrakt diskutiert wird. Genau deshalb bin ich damals aus der Wissenschaft ausgestiegen: Wir wissen genug – jetzt müssen wir dieses Wissen endlich so vermitteln, dass Menschen es annehmen und gerne handeln. 2007 wurde mir klar, wie groß der Kommunikationsbedarf ist. In einem Workshop mit hochkarätigen Wissenschaftlern, den ich organisiert hatte, gaben Journalistinnen und Journalisten nach kurzer Zeit auf. „Biodiversität ist nicht vermittelbar“, lautete ihr Fazit.
Daraus entstand die Idee zur Kampagne „Berlin summt!“: Wir arbeiten als Aufhänger mit einem konkreten Beispiel, das greifbar macht, worum es geht. Unsere Botschaft ist bewusst niedrigschwellig, eine nette Einladung, keine Verpflichtung: „Berlin summt! Summen Sie mit?“ Durch Mitmachaktionen, Workshops, Lehrmaterialien, Wanderausstellungen, unseren „Bienenkoffer“, unseren bundesweiten Pflanzwettbewerb und viele weitere Formate erreichen wir inzwischen sehr viele Menschen. Partizipation ist der Schlüssel – und sie wirkt. Das Projekt fand enorme Resonanz, wurde mehrfach ausgezeichnet und führte vielleicht sogar dazu, dass es heute so viele Bienenschutzprojekte gibt.
Was sind die größten Herausforderungen Ihrer Stiftungsarbeit?
Als wir 2011 gemeinsam mit Imkerinnen und Imkern Honigbienenstöcke auf prominente Dächer der Hauptstadt stellten, waren die Medien begeistert von den eindrucksvollen Bildmotiven: Imker im weißen Schleier vor der Domkuppel, Honigwaben über den Dächern Berlins. Die Aufmerksamkeit für das Thema Biodiversität war riesig. Doch ausgerechnet aus Teilen der Naturschutzszene kam Kritik. Einige Wildbienenexpertinnen und -experten fanden es nicht gut, dass die Honigbiene so stark im Mittelpunkt stand. Es wurde argumentiert, sie sei eine Nahrungskonkurrentin für Wildbienen. Aber hätten wir in der Kommunikation mit den 600 Wildbienenarten begonnen, die niemand kannte, wäre der Funke nicht übergesprungen.
Herausfordernd ist es auch, Menschen überhaupt mit dem Thema Natur zu erreichen – angesichts von Konsummentalität, Digitalisierung und Ablenkungen der modernen Welt. Wir machen viel Umweltbildung, häufig direkt in Wohnanlagen. Aber die Mieterinnen und Mieter rennen uns nicht gerade die Türen ein, wenn wir zu Führungen mit Schmetterlingsexperten einladen. Es braucht Geduld, Präsenz und kontinuierliche Ansprache, um Naturverbundenheit wieder wachzurufen. Auch bei den Wohnungsunternehmen: Viele sehen Naturgärten skeptisch, weil sie befürchten, naturnahe Flächen sähen „ungepflegt“ aus. Wir müssen viel Aufklärungsarbeit leisten, damit verstanden wird, wie wertvoll solche Flächen für Klima, Artenvielfalt und auch das Wohlbefinden der Bewohnerinnen und Bewohner sind. Und selbst wenn die Zustimmung , da ist, fehlt es oft an Fachpersonal, um naturnah zu pflegen.
Was sind Ihre Zukunftspläne für die Stiftung Mensch und Umwelt?
Vor einem Jahr haben wir im Landkreis Osnabrück ein Regionalbüro eröffnet. Die ersten Projekte laufen bereits, unter anderem das ökologische Grünflächenmanagement, was wir für Bad Essen entwickeln dürfen. Hinzu kommt hoffentlich die Förderung für die Entwicklung einer Biodiversitätsstrategie für die Gemeinde, die wir , fachlich und kommunikativ begleiten werden. Sehr spannend ist auch unsere Beteiligung am Projekt „New Roots“, das wir im Rahmen einer EU-Förderung gemeinsam mit Partnern aus Westdeutschland und Ostholland durchführen. Es geht dabei um Naturverbundenheit in Unternehmen und Verwaltungen. Dadurch erreichen wir Zielgruppen, die bisher wenig Berührung mit dem Thema hatten – und können Natur noch stärker in institutionelle Entscheidungsprozesse einbinden.
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Dieser Ausschnitt aus meinem Interview mit Dr. Corinna Hölzer und Cornelis Hemmer, Gründer der Stiftung für Mensch und Umwelt, stammt aus meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“: 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Darin erzählt er außerdem:
- Warum Berlin trotzdem weiter ihr Lebensmittelpunkt bleiben wird
- Welche Herausforderungen die Administration der Stiftungsarbeit mit sich bringt
- Wie sie dem Mangel an Fachpersonal für die naturnahe Pflege von Gärten entgegenwirken
Seit 25 Jahren publiziert der Verlag Elmar Zinke unter dem Titel „Edition Profile“ Portraitbände über ausgewählte Persönlichkeiten und Geschäftsleute in einem bestimmten Einzugsbereich, deren Arbeit die Stadt oder Region prägt und Wertschätzung verdient. Die Serie umfasst rund 200 hochwertige Kunstdrucke mit Ledereinband und Fadenbindung, die in einer Manufaktur gefertigt werden und eine Sammlerzielgruppe ansprechen.
Der Interviewband „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ von Maja Roedenbeck kann unter der ISBN-Nummer 978-3-941294-98-1 in jeder Buchhandlung bestellt werden. Oder direkt bei mir anfragen: redaktion[at]maja-roedenbeck.de

