Lektorat von KI-generierten Fachtexten: Was konkret gemacht werden muss

Einen Fachtext mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz (KI) verfassen und dadurch Zeit und Honorar für Profi-Autoren sparen? Wenn das Prompten, die Prüfung und Überarbeitung der KI-generierten Rohfassung länger dauert als das Recherchieren und Verfassen des Textes komplett von Menschenhand, geht die Rechnung nicht auf. Das Lektorat von KI-Texten ist eine Angelegenheit von unterschätztem Aufwand, bei der viele Details berücksichtig werden müssen. Erkenntnisse aus einem aktuellen Auftrag.

Worum ging es?

  • Thema: Fachtext über eine Software mit Hintergründen zur Technologie
  • Format: Populärwissenschaftlicher Stil mit dem klassischen Aufbau eines wissenschaftlichen Textes incl. Quellen
  • Länge: 50.000 Zeichen incl. Leerzeichen

Zeit sparen durch KI?

Als Faustregel brauche ich als Profi-Texterin für einen Fachtext von 15.000 Zeichen eine Stunde Interview und 3 Stunden zum Schreiben. Hochgerechnet auf 50.000 Zeichen wären das grob 15 Stunden – wenn der Fachexperte weiß, worauf er hinauswill, relativ strukturiert spricht und die Quellen mitliefert. Es beschleunigt die Sache, wenn ich mich mit dem Thema selbst auskenne.

Spart die Künstliche Intelligenz nun wirklich Zeit? Bei dem konkreten Auftrag hatten zwei Personen aus dem Unternehmen bereits einige Stunden an der Erstellung einer Rohversion des Textes mit Unterstützung von KI und einer ersten Überarbeitung gesessen. Eine solide fachliche Argumentationslinie war entwickelt und gepromptet worden. Bei der Prüfung und Überarbeitung des KI-Textes waren die Mitarbeitenden jedoch zeitlich an ihre Grenzen gestoßen.

Ich habe 5 bis 6 Stunden für die Überarbeitung unten aufgelisteter Mängel benötigt – ohne Prüfung/Verifizierung der Quellen bzw. der Zitate aus externen Quellen. Das wurde nachträglich wieder beim Auftraggeber gemacht. Insofern ist eine Zeitersparnis durch KI nicht wirklich festzustellen, jedoch eine Kostenersparnis durch die inhouse erledigte Vor- und Nacharbeit.

Lektorieren oder redigieren?

Lektorieren oder redigieren, was muss bei einem KI-Text eigentlich genau gemacht werden? Die beiden Prozessbegriffe aus der Textarbeit werden oft synonym verwendet oder gehen zumindest fließend ineinander über. Lektorin Kerstin Salvador aus Berlin versucht in ihrem Blog, den feinen Unterschied zu definieren. Demnach ist das Redigieren eine weniger umfassende Leistung als das Lektorieren, weil es an weniger umfangreichen Texten durchgeführt wird, die oft bereits vom Profi geschrieben wurden. Redigiert wird bei journalistischen Artikeln und Beiträgen, lektoriert bei längeren Texten wie Buchmanuskripten oder wissenschaftlichen Abhandlungen, bei denen man auch als Profi den Überblick verlieren kann, wenn man in die Materie vertieft ist.

Das Redigieren wäre dann eher als kontrollierendes Vier-Augen-Prinzip, das Lektorieren als echte Zusatzleistung, eine unterstützende Instanz im späten Schreibprozess zu beschreiben. Die Teilaufgaben unterscheiden sich im Prinzip aber nicht wesentlich:

  • Rechtschreib-, Grammatik- und Zeichensetzungsfehler korrigieren
  • Inhaltliche Logik, Struktur und roten Faden überprüfen
  • Stil an die Zielgruppe und die Richtlinien der Redaktion oder des Verlages anpassen
  • Redundanzen, Füllpassagen und -wörter ausmerzen
  • Ausdruck, Wortwahl und Satzstellung hinterfragen und ggf. verbessern
  • Terminologie und Schreibweisen vereinheitlichen
  • all das mit dem Ziel, die Lesbarkeit, Stimmigkeit, Überzeugungskraft und Relevanz des Textes zu verbessern

Per Lektorat zur Veröffentlichungsreife

Ich würde sagen, dass ich damit gerechnet hatte, dass meine Aufgabe das Redigieren sei, während es am Ende doch ein Lektorat benötigte, um den mit KI-Unterstützung generierten Fachtext zur Veröffentlichungsreife zu bringen. Nur in Sachen Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung konnte man sich weitgehend auf die KI verlassen, da habe ich im ganzen Text nur zwei Fehler gefunden. Einmal wurde der falsche Kasus verwendet, einmal wurde eine Brachylogie nicht korrekt angewandt.

Da Redigat und Lektorat auch bei von Menschen geschriebenen Texten notwendig sind, kann man nicht schlussfolgern, dass KI schlechtere Textergebnisse liefert. Man kann aber festhalten, dass – obwohl ein KI-generierter Text auf den ersten Blick immer verblüffend stichhaltig und gut strukturiert wirkt – das Ergebnis inhaltlich bei genauerem Hinsehen doch eher dem eines menschlichen Volontärs entsprach.  

Überarbeitungsnotwendigkeit bei KI-generierten Texten

An folgenden Auffälligkeiten im Text habe ich bei der Überarbeitung gefeilt:

Redundanzen & Struktur

  • Penetrante Wiederholung einzelner Wörter, insbesondere wohlklingender Buzzwords wie „Kompetenzen“ oder „Potenzial“. Sie beinhalten neben dem unschönen Leseerlebnis die Gefahr, dass der Text mehr nach Marketing als nach einem Fachtext klingt. Ggf. könnte hier im Prompt nachgebessert werden, um die Buzzwords zu eliminieren. Aber auch neutrale Worte wie „Situation“ kamen gehäuft vor, dieses Beispiel 69x im gesamten Text, also über 5x pro Seite!
  • Häufung von Bindewörtern: Beim suchmaschinenoptimierten Schreiben lernt man, dass Bindewörter in Texten zu einem besseren Ranking führen. Das hat die KI offenbar übernommen und beispielsweise 28x „damit“ und 5x „somit“ eingebaut. Der erfahrene Journalist redigiert Texte nun aber so, dass unnötige Füllwörter herausgestrichen werden. Wenn der Folgezusammenhang zweier Sätze auch ohne das Bindewort verständlich ist, wird es weggelassen. Da der Text nicht für eine Online- sondern für eine Printpublikation vorgesehen war, habe ich mich für die journalistische Herangehensweise entschieden.
  • Penetrante Wiederholung der Definition der vorgestellten Software: Normalerweise würde ein Profi-Autor in seinem Text einmalig erklären, um welche Art von Software es sich handelt und was ihre Besonderheit ausmacht, um im weiteren Verlauf des Textes dann nur noch mit dem Namen der Software oder dem Oberbegriff für die Software-Kategorie zu arbeiten. Stattdessen hat die KI bei jeder Erwähnung des Tools erneut definierende und erläuternde Worte verwendet, eine Vielzahl von Synonymen und Umschreibungen mit ähnlichen und neuen Formulierungen benutzt. Der Text wurde dadurch unnötig aufgeplustert und teilweise auch unverständlich.
  • Wiederholung ganzer Argumentationsstränge in anderen Worten

Stilfragen

  • Nominalstil: Leider ist es in (wissenschaftlichen) Fachtexten immer noch üblich, im so genannten Behördenstil oder Nominalstil mit vielen Nomina und Passivkonstruktionen zu schreiben. Dabei ist längst bewiesen, dass dieser Stil schwerer lesbar ist als ein Text mit Verben und Aktivkonstruktionen, der genauso seriös wirken kann. Die Künstliche Intelligenz hat in diesem Beispiel ein Lehrstück des Nominalstils geliefert, das selbst für einen wissenschaftlichen Fachtext übertrieben war. Teilweise wurden Nomen auf eine (immerhin grammatikalisch korrekte), aber unübliche Weise zusammengesetzt, die kein deutscher Muttersprachler verwenden würde (z.B. „Rahmenverstehen“). Oder sie wurden durch eine unnötige Zusammensetzung verlängert. Warum muss man z.B. „Handlungssituation“ sagen (10x im Text), wenn eine „Situation“ per Definition die Summe aller Faktoren und Bedingungen ist, die das aktuelle Handeln oder den aktuellen Zustand bestimmen, und es ausreichen würde, einfach „Situation“ zu sagen? Möglicherweise wurde hier das Synonym „Handlungsumfeld“ mit dem Ausgangswort zusammengewürfelt. Als Autorin, die sich seit vielen Jahren für eine bessere Lesbarkeit von Sach- und Fachtexten einsetzt, blutet mir das Herz, wenn ich sehe, dass KI diesbezüglich die Rückkehr in die Steinzeit fördert.
  • Einsatz von Fachworten, Fremdworten (aus dem Englischen übernommen) oder Abkürzungen ohne Erklärung: In der journalistischen Ausbildung lernt man, Fachworte, eingedeutschte Fremdworte oder Abkürzungen beim ersten Einsatz zu erklären bzw. auszuschreiben, bevor man sie dann im weiteren Textverlauf alleinstehend verwenden darf. Das gilt selbst für bekannte Abkürzungen wie eben „KI“ für Künstliche Intelligenz. Bei Fach- und Fremdworten hängt es stark von der Leserzielgruppe ab, was vorausgesetzt werden kann und was erklärt werden muss. In diesem Textbeispiel hat KI jedenfalls Abkürzungen und neuere Anglizismen verwendet, die man nicht einfach so stehen lassen kann (z.B. „Mock-up“).
  • Mehrfach wurde dieselbe Grundformulierung in aufeinanderfolgenden Sätzen wiederholt verwendet, was der erfahrene Journalist/Texter zu vermeiden versucht.

Logik & Quellen

  • Extrem vereinfachte, für den Laien unverständliche Herstellung von Zusammenhängen: So heißt es zum Beispiel im Text „Aus A folgt D“, obwohl man korrekt sagen müsste: „Als Folge von A ist zunächst B passiert, woraufhin eine von mehreren Entwicklungen C war und D als einer von mehreren Lösungsansätzen diskutiert wurde“.
  • Logikfäden, die im Nirgendwo enden: So wurde einer bestimmten Handlung ein „Risiko“ zugeschrieben, ohne dass beschrieben wurde, worin dieses Risiko bestand. Mit ein wenig Nachdenken wäre der geneigte Leser wohl von selbst darauf gekommen, aber ein guter Autor lässt seine Leser nicht raten, insbesondere bei einem wissenschaftlichen Text, den man ohnehin sehr konzentriert lesen muss, um ihn zu verstehen.
  • Vage formulierte Forschungsergebnisse aus herangezogenen Quellen: So heißt es im KI-Text z.B. häufig: „In der aktuellen Forschung gibt es Hinweise darauf, dass A und B zusammenhängen“, anstatt konkret: „Die Studie XY besagt, dass auf A in 75% der untersuchten Fälle B folgt.“ Das macht die Aussagen einerseits weniger angreifbar, gleichzeitig aber auch weniger aussagekräftig. Auffällig war außerdem, dass praktisch jeder Textabsatz mit einem dieser vagen Quellenhinweise versehen war, oft im letzten Satz. Beim Leser entstand der Eindruck, dass hier nicht sorgfältig ausgewählte Quellen zitiert werden, die wichtige Erkenntnisse unterstützend einbringen, sondern dass das Zitieren zum Selbstzweck geworden ist: Hauptsache in schöner Regelmäßigkeit irgendwelche Quellen nennen, damit niemand der KI vorwerfen kann, sie würde unsauber arbeiten. Vereinzelt wurde auch eine Behauptung aufgestellt („Forschungsergebnisse zeigen, dass…“), ohne dass die Quelle genannt wurde.
  • Vereinzelt wurden unlogische Zusammenhänge hergestellt oder unglaubwürdige Behauptungen aufgestellt. So wurde als Beispiel für den Einsatz von digitalen Werkzeugen ausgerechnet ein analoges Werkzeug genannt.

Fazit: Hilft KI bei der Erstellung von veröffentlichungsreifen Fachtexten oder nicht?

Dass man KI-generierte Texte nicht einfach ungeprüft veröffentlichen kann, gilt als Konsens, dass Künstliche Intelligenz aber hilfreich sein kann, um eine inhaltliche Grundstruktur und Rohfassung für einen Text zu erstellen, auch. Letzteres würde ich an Bedingungen knüpfen. Wenn es insgesamt länger dauert, den KI-Text zu prompten und hinterher zu lektorieren als es gedauert hätte, den Profi-Schreiber mündlich zu briefen und ihn den Text von Anfang an per Hand und Intellekt schreiben zu lassen, geht die Rechnung nicht auf.

In diesem Fall wäre die Kostenersparnis durch eine Teilverlagerung der Textarbeit nach intern das einzige Argument für den Einsatz von KI. Bei dem konkreten Auftrag ist es in einer angemessenen Zeit gelungen, den Text zur Zufriedenheit des Kunden und bis zur Veröffentlichungsreife zu überarbeiten, jedoch konnten die argumentativen und strukturellen Redundanzen der KI nicht vollständig ausgemerzt werden. Als erfahrene Fachbuchautorin blieb ich mit dem unbefriedigenden Gefühl zurück, dass ich die Argumentationslinie straffer und stringenter hätte gestalten können, wenn ich den Text selbst oder komplett neu geschrieben hätte.

Transparenzhinweis ja oder nein

Um eine valide Einschätzung treffen zu können inwieweit z.B. die Länge eines Textes und die thematischen Vorkenntnisse des Autors Einfluss auf das Verhältnis zwischen KI-Erstellung und Überarbeitung haben, wären strukturierte Versuche hilfreich. Wenn es das Ziel der Überarbeitung bzw. des Lektorats wäre, den Transparenzhinweis („Dieser Text wurde mit Hilfe von KI erstellt“) weglassen zu können (z.B. aus Reputationsgründen), weil die KI-Version wirklich nur noch als rudimentäre Inspiration gedient hat, während die Endfassung des Textes zum allergrößten Teil auf menschlichem Intellekt beruht, dann würde die Überarbeitung so lange dauern, dass der initiale Einsatz von KI definitiv keinen Sinn mehr machen würde.

Ein möglicher Umweg für Unternehmen wäre es, ganz bewusst nicht die Rohfassung des Textes, sondern nur ein ausführliches Briefing für den Profi-Texter per KI zu erstellen. Das Briefing könnte die Argumentationslinie und gewünschte Struktur sowie die zu verwendenden Quellen aufführen, der Profi-Texter würde den eigentlichen Text aber selbst schreiben. In diesem Fall könnte der Transparenzhinweis möglicherweise entfallen.

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