Diese Kurzgeschichte von Maja Roedenbeck hat bei der 9. Müchner Menülesung im Jahr 2008 den 4. Platz belegt.
„Kann ich was zu trinken haben?“, fragte das Mädchen, und Uwe sagte: „Nee.“
„Warum nicht, ich hab Durst!?“, fragte das Mädchen, und Uwe sagte: „Is mir egal. Ich hab nee gesagt.“
„Aber zu Hause darf ich immer trinken, wenn ich Durst habe, nicht nur zum Essen!“, protestierte das Mädchen, und Uwe sagte: „Du biss aber hier nicht zu Hause. Gibt nix. Hab wieso nix.“
„Dann trink ich eben Wasser aus dem Hahn“, trotzte das Mädchen, und Uwe sagte: „Hahn bleibt zu.“
„Willst du mir etwa verbieten, mir meine Hände zu waschen?“, fragte das Mädchen, und Uwe sagte: „Will ich.“
„Und die Badezimmertür, die hältst du zu, damit ich nicht rein komm, oder was?“, fragte das Mädchen, und Uwe sagte: „Schließ ich ab und werf’n Schlüssel vom Balkon.“
„Und wie kommst du dann an deinen Bierkasten?“, fragte das Mädchen, und Uwe sagte: „Wirste schon sehen. Und jetzt halt die Klappe.“
Ein wuchtiger Mann war er, mit seinen Türsteherschultern. Ein schwerfälliger. Sein einundsechzigjähriger Bauch vom Weißbrot und vom Alkohol aufgegangen, sein Kinn und seine Ohrläppchen weich gewalkt vom ganzen Kneten. Uwe überlegte, noch einen draufzusetzen. Würde sich gut anfühlen.
„Zu essen gibt’s heute auch nix. Kann dir deine Mutter kochen.“
„Aber Mama holt mich erst um halb acht ab!“, rief das Mädchen, „Bis dahin bin ich doch verhungert!“
„Du weiß ja gar nich, was Hunger is!“, sagte Uwe. „Die Schwatten in Afrika, die hamm Hunger.“
Das Mädchen wusste nichts über Afrika. Das Mädchen wusste auch nicht, was es wegen Afrika zum Opa sagen und wie es vom Hunger der Afrikaner zurück zu seinem eigenen überleiten sollte.
„Ich hab‘ seit dem Frühstück nichts gegessen“, versuchte es zu argumentieren. „Da kann man schon mal Hunger haben.“
„Seit dem Frühstück hattse nix gegessen, ich glaub, ich heul gleich“, griente Uwe. „So’n Fastentach tut auch ma ganz gut.“
Das Mädchen kapitulierte. Na und? Wenn der Opa gleich um fünf kacken ging, würde es sich einen Marsriegel aus seinem Nachttisch holen.
„Spielst du was mit mir?“, fragte es dann noch halbherzig, „Halma?“
Aber Uwe war gerade in Fahrt: „Nix da, Halma.“
Mann, das hatte er gebraucht. Dass er was sagte und bumms, dass das dann auch Gesetz war. Mann, hatte ihn die Tusnelda im Jobcenter heute morgen genervt. Halb so alt wie er, aber die Welt verstehen. Einem Einundsechzigjährigen erzählen wollen, was er noch mit seinem Leben anstellen sollte. Und dann noch so pseudofreundlich, als ob er nicht wüsste, dass die sich mit den anderen Sachbearbeiterinnen über ihn lustig machen würde, sobald er aus der Tür raus war. Klar, da fühlte sich so ein Mäuschen schnell mal stark. Mann, hatte den Uwe das aufgeregt. Mann, hätte er der gern seinen Schwanz in den Hintern gewummert, damit die endlich ruhig war und ihn für den Rest des Monats in Ruhe ließ. Aber das hatte warten müssen, die hatte am längeren Hebel gesessen. Und Uwe hatte sich klein machen müssen, wohl oder übel.
„Nix da, Halma“, wiederholte er und sagte dann noch, weil das so gut war: „Such dir selber watt zu spielen, ich geh jetz kacken. Is um fünf.“
Das Mädchen marschierte schnurstracks ins Schlafzimmer zum Nachttisch vom Opa und nahm sich einen Marsriegel. Und noch einen zweiten. War ihm nicht ganz unrecht, das alles. Würde es die Mutter später zwingen können, ihm eine Pizza zu bestellen und vielleicht sogar noch einen Lidschatten bei dm zu kaufen. Brauchte es nur trotzig zu sagen: „Ich geh’ morgen nicht zum Opa, der gibt mir nichts zu trinken. Der macht mir nichts zu essen. Der spielt auch nicht mit mir.“
Das Mädchen kannte das Drehbuch besser als das Einmaleins: Mutter hat keine Zeit zum Selberkochen, Mutter hat keine Möglichkeit, Kind anderswo unterzubringen, Mutter hat schlechtes Gewissen, Mutter bestellt Kind Pizza und kauft ihm Schminke bei dm, damit Kind weiter zum Opa geht und Mutter trotzdem lieb hat. Darauf ließ sich zählen, und das Mädchen war zufrieden damit.
Im Grunde tat ihm der Opa bloß einen Gefallen, indem er es vernachlässigte. Durfte er nur nicht merken, dann wäre es vorbei damit. Würde er aber auch nicht merken. Die Mutter hatte viel zu viel Schiss vor ihm, als dass sie ihn zur Rede stellen würde wegen dem Trinken und dem Essen und dem Spielen. Schiss hatte sie, das hing irgendwie mit den ausladenden Schultern vom Opa zusammen und mit früher. Mehr wusste das Mädchen nicht. War ihm auch egal. Man konnte nicht alles durchschauen.
Es hörte den Opa durch die offene Badezimmertür ganz furchtbar aufstöhnen und wusste, die Wurst kam noch nicht. Der wäre da noch mindestens eine halbe Stunde beschäftigt. Es zerrte eine der Zeitschriften unter den Marsriegeln hervor und schaute sich die Brüste der nackten Frau auf dem Titelbild an. Dann die der Frauen auf den nächsten Seiten. Es gab viele Brüste in der Zeitschrift, ein Paar dicker als das andere. Das Mädchen fummelte unter seinem Hoodie herum, ob da inzwischen was gewachsen war. War es nicht. Es fummelte trotzdem noch ein bisschen weiter. Das musste doch jetzt jeden Moment losgehen. Bei den anderen Mädchen aus der Klasse konnte man fast zugucken, wie die Hügel unter ihren bauchfreien Tops täglich größer wurden!
Uwe quoll derweil in alle Himmelsrichtungen aus der Kloschüssel und drückte, was das Zeug hielt. Warum kam die verdammte Wurst nicht? Warum konnte nicht wenigstens die Wurst kommen, wenn er wollte, dass sie kam? Er grunzte und röhrte, knüllte die Lippen zusammen und drückte noch fester. Die Wurst kam trotzdem nicht. Jeden Tag um fünf ließ sich Uwe aufs Klo plumpsen und musste erleben, wie das, was er wollte, wieder nicht geschah. Seine irre-lila Wut wollte ihm die Bauchdecke von innen durchlöchern und an allen möglichen Stellen in die Freiheit rasen, aber die Wurst fand weder den Weg, noch die Motivation dazu. Die Wurst respektierte Uwe schlicht nicht mehr. Es war zum Wahnsinnigwerden, jeden Tag wieder, aber heute so sehr, dass Uwe früher als sonst aufgab und sich am Waschbecken hochzog. Den Klodeckel ließ er hochgeklappt, den Hintern ungewischt, die Hände ungewaschen, nur die Hose zog er halbherzig hoch und schlurfte auf die Diele. Schnäuzte sich in die zwei Blatt Klopapier, die er immer noch in den Händen hielt, warf sie ins Schlüsselschälchen, schnalzte mit der Zunge. Hörte es aus dem Schlafzimmer knistern. Schlurfte hin. Erblickte das Mädchen, wie es zwischen Marsriegelhüllen auf dem Bett hockte, in dem abgegriffenen Männermagazin blätterte und sich dabei unter dem Hoodie herumfummelte. Das war nun erfreulicherweise etwas, [WEITERLESEN]

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MaMagazine – Ausgabe No. 02/2025
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Inhalt
- Künstlerportrait: Jedes Selfie könnte das letzte sein – Seite 2
- Reisebericht aus Ghana: Wo sich die Seelen der Verstorbenen treffen – Seite 7
- Kurzgeschichte: Uwe und das Mädchen – Seite 17
- Rezension: Liebe und Anarchie – Seite 21
- Gedicht: Szene in Rot – Seite 24
- Kolumne: Wer will schon die weise, alte Morla sein? – Seite 25
- Kurzfilmprojekt: „Nicht so viel darüber nachdenken, was andere von mir halten“ – Seite 28
- Gedicht: Stilles Kind – Seite 31
- Reisebericht aus Australien: Wo das harte Leben Kunst inspiriert – Seite 32
- Kurzgeschichte: Matthias Ginnberger zittert nicht – Seite 37
- Künstlerportrait: Drei junge Musikerinnen zum Niederknien – Seite 40
- Travel report: Where a hard life inspires art – Seite 45
Beitragsbild: Pixabay
