„Ich bin immer Nomadin geblieben“: Renate Roginas

Von 2008 bis 2025 hat sich die Villa Kult in Berlin-Lichterfelde als Boutiquehotel und Tagungsstätte mit eigenem Programm zur Förderung junger Künstler*innen etabliert. Nun steht sie zum Verkauf, denn Inhaberin Renate Roginas möchte sich in Andalusien zur Ruhe setzen. Wie sie von der Pionierin in der deutsch-französischen Filmwirtschaft zur Mäzenin und Inhaberin einer Kultureinrichtung wurde, erzählt sie in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“: 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Einen Auszug aus dem Interview könnt ihr hier lesen.

Renate Roginas, wie verlief Ihre berufliche Laufbahn?

Ich bin 1953 in Süddeutschland auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen, in der kleinen Stadt Hechingen, die für die Burg Hohenzollern bekannt ist. Da meine Eltern sich wünschten, dass ich Lehrerin werde, habe ich genau wie meine Schwester ein Pädagogikstudium begonnen, es jedoch nicht abgeschlossen. Stattdessen habe ich früh einen Franzosen geheiratet und bin 1973 mit 19 Jahren Mutter geworden. Mit dem festen Entschluss, nie mehr nach Deutschland zurückzukehren, sind wir nach Frankreich ausgewandert, und eine abenteuerliche Zeit begann. Ich habe 30 Jahre in Paris gelebt und mich wunderbar integriert, ganz rasant Französisch ohne jeden Akzent gelernt und wurde als Französin akzeptiert. Schon immer hatte ich gerne Tagebuch, Poesie und kleine Essays geschrieben. Alles, was mit Worten zu tun hatte, lag mir. Und so schrieb ich nun auch mein erstes Drehbuch, eine autobiografische Geschichte über zwei gute Freundinnen. Der Mann der Deutschen verliebt sich in die Tochter der Französin. Ein sentimentales Melodrama, aber spannend. Das Drehbuch wurde tatsächlich verfilmt und war mein Einstieg ins Filmgeschäft.

Als Produzentin befand ich mich damals in einer Art Pionierrolle. Schauspiel, Kameraführung und dergleichen konnte man an den Filmakademien studieren, doch Produktion nicht. Ich musste es mir als Autodidaktin selbst erschließen. Anfangs habe ich noch meine eigenen Drehbücher verfilmt, mich später aber 25 Jahre lang ausschließlich der Produktion gewidmet. Dabei habe ich die internationale Kooperation und Koproduktion zwischen Frankreich und Deutschland gefördert – eine Spezialisierung, die damals bahnbrechend war. Irgendwann begannen die Filmakademien, Produktion auch als Studiengang anzubieten, und da ich Pädagogik studiert hatte, bildete ich nun nebenberuflich an internationalen Filmakademien aus, zum Beispiel an der Media Business School in Spanien.

Die Europäische Union (EU) begann zu dieser Zeit, Kinofilmproduktionen zu fördern. Am Anfang mit Auflagen, die nichts mit der Realität zu tun hatten. Wir Produzenten mussten uns praktisch Konstrukte ausdenken, um an Fördergelder zu kommen. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass diese Regularien überarbeitet wurden, und bekam den Auftrag der Europäischen Union, diese Arbeit zu übernehmen. Von dem Moment an habe ich nicht mehr produziert, sondern bin von der Europäischen Kommission in den Europarat weitergereicht worden. Nebenbei habe ich wieder angefangen, Drehbücher zu schreiben, und ich habe junge Talente vom Balkan gecoacht und finanziell unterstützt.

Wie verschlug es Sie nach dieser internationalen Karriere nach Lichterfelde?

Nachdem mein Sohn schon erwachsen war, bekam ich noch zwei Töchter. Mein Mann und ich entschieden, unsere Zelte in Berlin aufzuschlagen. Wir haben eine preußische Offiziersvilla in Lichterfelde gekauft, die 1887 im Fachwerkstil erbaut worden, inzwischen aber eine Ruine und ein Abrissprojekt war. Sie hatte über 15 Jahre leer gestanden, stand nicht unter Denkmalschutz und war praktisch nicht mehr zu bewirtschaften. Das Dach war im zweiten Weltkrieg durch Feuergranaten abgebrannt. Trotzdem haben wir uns entschlossen, sie in einem Stil wiederaufzubauen, von dem wir dachten, dass die Villa ursprünglich so ausgesehen haben könnte. Unser Ziel war es, eine Künstlerresidenz zu eröffnen, doch leider wurde daraus nichts. Die Bauarbeiten waren extrem kostenintensiv und fraßen unsere Ersparnisse auf. Wir mussten nachfinanzieren, und einen Kredit bekommt man nur, wenn man auch Einkünfte hat.

Also habe ich alle Projekte im Bereich Film außer der Ausbildung aufgegeben und mich darauf konzentriert, aus dem Gebäude ein Boutiquehotel zu machen. Wir nannten es Villa Kult. Das war nicht einmal Plan B, sondern Plan C. Aber es ging nicht anders. Zumindest ging dieses Konzept am Ende auf und wir haben uns in einem Marktsegment abseits des Tourismus etabliert. Zu unseren Gästen gehören Menschen, die an der Freien Universität Berlin und den umliegenden Instituten studieren oder lehren, Ärzte und Angehörige von Patienten aus der Charité. Vierzig Prozent sind Stammgäste, von denen ich manche schon so lange kenne, dass wir zusammen zu Abend essen und uns viel zu erzählen haben. Es haben sich so viele Geschichten in diesem Haus zugetragen, dass sie Stoff für ein ganzes Buch bieten würden: lustige, dramatische, unterhaltsame, verrückte Geschichten! Vielleicht schreibe ich sie eines Tages nieder, aber das geht erst, wenn eine gewisse Anonymität eingekehrt ist.

Bis zur Pandemie haben wir nebenbei auch eine Galerie geführt und sehr viele kulturelle Veranstaltungen angeboten: Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Seminare für Filmemacher, Netzwerktreffen für Frauen in der Filmwirtschaft, Veranstaltungen für Stipendiaten der Berlinale oder der Nipkow-Stiftung. Die Remise haben wir als Künstleratelier geführt. Die Künstler*innen, die wir dort aufgenommen haben, haben bei uns ausgestellt oder performt. Das war unser Mäzenat, das uns viel bedeutet hat. Inzwischen haben wir unser Kulturprogramm jedoch eingestellt und die Kunstwerke im Haus dienen eher dazu, unseren Gästen eine Aura der Kunstaffinität zu vermitteln. Wir haben uns auf die Suche nach einem Nachfolger für die Villa Kult gemacht, denn wir haben inzwischen eine Immobilie in Andalusien in der Provinz Cadiz am Atlantik gekauft, wo wir uns zur Ruhe setzen möchten.

Macht es Ihnen gar nichts aus, noch einmal von vorne anzufangen?

Das ist kein Problem für mich. Wenn man wie ich als Flüchtlingskind geboren wird, bleibt man rastlos. Da muss etwas in den Genen sein, das immer auf der Flucht ist. Meine Eltern waren Flüchtlinge aus dem zweiten Weltkrieg: Meine Mutter stammte aus Ostpreußen, mein Vater aus Pommern. Mein Mann hat eine ähnliche Geschichte: Seine Familie mütterlicherseits stammt aus Aragonien und musste unter Franco fliehen, die Familie väterlicherseits aus Barcelona, Katalonien. Seine Eltern haben sich in einem Auffanglager in Südwestfrankreich kennengelernt, meine in einem Auffanglager in Lübeck. Und so teilen wir die Ruhelosigkeit. Man sucht nach seinen Wurzeln, dem Ursprung, der einen ausmacht, und findet ihn sein ganzes Leben lang nicht. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft wir schon umgezogen sind, auch innerhalb Frankreichs. Ich bin immer eine Nomadin geblieben. Für mich gibt es keinen Abschied, nur ein Weiterziehen.

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Das vollständige Interview mit Renate Roginas, Inhaberin der Villa Kult, lest ihr in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“: 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Darin berichtet sie:

  • Wie schwierig ihre Kindheit und Jugend in den 1960er und 70er Jahren in Schwaben war
  • Welche Zukunft sie sich für die Villa Kult vorstellt
  • Wie sie mit dem Älterwerden umgeht und auf ihr Leben zurückblickt

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Seit 25 Jahren publiziert der Verlag Elmar Zinke unter dem Titel „Edition Profile“ Portraitbände über ausgewählte Persönlichkeiten und Geschäftsleute in einem bestimmten Einzugsbereich, deren Arbeit die Stadt oder Region prägt und Wertschätzung verdient. Die Serie umfasst rund 200 hochwertige Kunstdrucke mit Ledereinband und Fadenbindung, die in einer Manufaktur gefertigt werden und eine Sammlerzielgruppe ansprechen.

Der Interviewband „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ von Maja Roedenbeck ist neu nicht bei Amazon und anderen Onlinebuchshops erhältlich (gebraucht einige Zeit nach der Veröffentlichung erfahrungsgemäß schon), kann jedoch unter der ISBN-Nummer 978-3-941294-98-1 in jeder Buchhandlung bestellt werden. Oder direkt bei mir anfragen: redaktion[at]maja-roedenbeck.de