„Geht nicht gibt’s nicht“: Anne-Caroline Ramm

Anne-Caroline und Hans-Christian Ramm haben drei Kinder, der mittlere Sohn Carl wurde mit Down Syndrom geboren. Was anfangs ein Drama war, hat sich als Chance für die ganze Familie entpuppt. Carl bekam die bestmögliche Förderung, seine Geschwister wuchsen zu Diversity-sensiblen Erwachsenen heran. Und seine Eltern gründeten 2018 die Anne-Ramm-Stiftung, die Menschen mit Hilfebedarf neuartige inklusive Wohnprojekte anbietet. Über die turbulenten Gründungsjahre erzählt Anne-Caroline Ramm in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“: 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Hier ein Ausschnitt aus dem Interview.

Wie war Ihre Familiensituation vor Carls Geburt?

Ich komme aus einer Dynastie von selbstständigen Unternehmern im Mittelstand, sodass es bei uns zu Hause immer um Wirtschaft ging. Schon mit 14 Jahren habe ich am Fließband gestanden und die Produktionsabläufe kennengelernt und nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zur Industriekauffrau in Verbindung mit dem Studium der Betriebswirtschaft absolviert. Bis ich Mutter wurde, habe ich kaufmännisch gearbeitet. Das Motto meiner Eltern lautete: „Geht nicht gibt’s nicht“. Für Probleme findet man Lösungen. Diese Einstellung hat mir später sehr geholfen.

Als Carl 1995 geboren wurde, lebten wir gerade für sechs Jahre in der Türkei, wo mein Mann die deutsche Abteilung an einer türkischen Anadolu Schule leitete. Ich habe mich derweil um unsere Tochter gekümmert und schließlich Carl bekommen. Seine Behinderung traf uns unerwartet, nach der Geburt tat sich ein Drama auf. All die grundsätzlichen Dinge wie Atmen, Sitzen, Essen, Laufen musste Carl mühsam lernen. Er war motorisch erheblich eingeschränkt und geistig beeinträchtigt. Ich machte mir ständig Gedanken: Wie integriere ich mein Kind in die Familie und dann in die Gesellschaft? Was kann ich noch tun, um es körperlich und sprachlich zu fördern? Sind meine Wünsche wirklich auch das Beste in seinem Sinne? In den 1990ern gab es in der Türkei wenig Unterstützungsangebote. Ich fand eine engagierte Therapeutin, die ihre Ausbildung und Erfahrungen aus England mitbrachte. Sie hatten sich bei Kindern mit Autismus bewährt. Carl wurde einzeln und in der Gruppe täglich gefördert. Als Carl vier Jahre alt war, kehrten wir nach Deutschland zurück. Er kam gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Leon in einen anthroposophischen inklusiven Kindergarten.

Die Unterstützungsangebote in Deutschland waren umfangreicher als in der Türkei, wurden aber auch nicht proaktiv angeboten. Ich musste mich weiterhin selbst darum kümmern. Als Carl ins Schulalter kam, gaben wir ihn bewusst auf eine Schule für Kinder mit körperlich-seelischen Beeinträchtigungen. Wir waren uns sicher, dass er in Kleinklassen und unter anderen Kindern mit Hilfebedarf die bessere Förderung bekommen würde als in einer Schule, wo er von Heranwachsenden umgeben wäre, die immer alles besser könnten. Das war die richtige Entscheidung und alles hat toll funktioniert, bis er in ein Alter kam, in dem normalerweise der Abnabelungsprozess von den Eltern stattfindet. Wieder habe ich viel recherchiert und nur die Möglichkeit gefunden, Carl ins Betreute Wohnen zu geben und in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten zu lassen. Diese Option erschien mir im Alter von 18 Jahren noch zu früh und überhaupt nicht ausreichend für die Bedürfnisse oder Orientierung meines Sohnes. Seine Schwester ging nach der Schule für ein Jahr nach Australien, sein Bruder konnte über den Rudersport in den U.S.A. studieren.

Und Carl?

Ich habe mich schließlich außerhalb Deutschlands umgeschaut und die Einrichtung „The Mount“ in Südengland gefunden. Drei Jahre lang konnte Carl dort in einem inklusiven Wohnprojekt leben, auf ein College gehen und sich wunderbar entwickeln. Ich kann Eltern von Kindern mit Behinderung nur empfehlen, nach der Intensivbetreuung der Kinderjahre einmal auf Distanz zu gehen und zu prüfen: Schaffe ich es, andere Personen mein Kind begleiten zu lassen? Auch wir als Eltern müssen uns abnabeln! Denn auch junge Erwachsene mit Behinderung haben ein Recht darauf, sich als eigenständige Wesen wahrzunehmen. Tatsächlich habe ich meinen Sohn in dieser Zeit noch einmal ganz neu kennengelernt.

Eine Besonderheit bei „The Mount“ ist, dass Volunteers aus der ganzen Welt mit jungen Menschen mit Behinderung in Wohngemeinschaften zusammenwohnen und ihnen als so genannte „Buddys“ zugeteilt sind. Eine 1:1-Betreuung, die man nirgendwo anders bekommt, und gleichzeitig ein ganz normales WG-Leben. Alle haben voneinander gelernt. Es war die reinste Wonne, und ich habe gedacht: Das ist doch mal ein Ansatz für eine eigene Stiftung! So wurde die Idee zur Anne-Ramm-Stiftung geboren. Der Erfolg meines Vaters und sein Vermächtnis haben dies ermöglicht und ich fühlte mich innerlich verpflichtet, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Wenn man einen behinderten Sohn hat, liegt es nahe, sich in diesem Bereich zu engagieren.

Wie sind Sie diese Idee angegangen?

Ich habe völlig unerfahren ein Mehrfamilienhaus mit freistehenden Wohnungen in der Leonorenstraße in Berlin-Lankwitz gekauft und einen Träger gesucht, mit dem ich eine inklusive Lern-WG nach dem Vorbild von „The Mount“ auf die Beine stellen konnte. In den zusammengelegten Wohnungen ist Platz für zwölf junge Erwachsene mit und ohne Unterstützungsbedarf, die mit neun weiteren Mietparteien unter einem Dach leben. Die sechs Bewohnerinnen und Bewohner mit Beeinträchtigungen gehen tagsüber zur Arbeit und brauchen zu Hause Unterstützung. Die bekommen sie einerseits von einem Anbieter für Leistungen der Eingliederungshilfe und einem ambulanten Pflegedienst. Und andererseits von den Studierenden, die mit ihnen zusammenleben. Wir erlassen ihnen die Nettokaltmiete dafür, dass sie sich in ihrer Freizeit engagieren. Wissenschaftlich wird das Modell von der Medical School Berlin begleitet.

Die ersten drei Jahre waren wild. Es gab viel Arbeit, viele Auseinandersetzungen und viel Reflexion: Wie geht es wem? Welche Struktur braucht die WG, damit alle Bewohnerinnen und Bewohner gut geschützt sind – auch die ohne Behinderung? Sie müssen erst lernen, dass man auch zu einem Menschen mit Behinderung sagen darf: „Kannst du mal aufhören, dummes Zeug zu reden?“ Letztendlich ist das als Mitbewohner sogar einfacher als für eine pädagogische Fachkraft, die einen Betreuungsauftrag hat. Wir haben Profis herangeholt, die Supervision und Workshops anboten, sodass die Gemeinschaft nach und nach zusammenwuchs. Auseinandersetzungen gab es auch mit den Ämtern, die meine idealistischen Ideen mit ihren Richtlinien zurechtstutzten, und mit den Eltern der Bewohner. Manches Mal habe ich gedacht: „Ich habe die Nase voll! Ich engagiere mich, bekomme kein Geld dafür und muss mir doof kommen lassen.“ Zum Beispiel als es um die Einrichtung einer Putzkasse ging. Inzwischen läuft die WG in der Leonorenstraße mit Hilfe eines festangestellten Mitarbeiters der Stiftung, der sich um die Studierenden kümmert, aber so gut, dass manch einer nicht mehr ausziehen möchte – obwohl das Konzept auf Zeit angelegt ist. Es geht ja um die Unterstützung in einer bestimmten Lebensphase. Für alle ist es die erste Station nach dem Auszug von zu Hause, sie haben gemeinsam Heimweh, ähnliche Herausforderungen im Alltag.

Welche weiteren Pläne haben Sie für die Anne-Ramm-Stiftung?

Wir haben gerade an der Clayallee in Zehlendorf ein zweites inklusives Wohnprojekt eröffnet. In dieser WG leben acht junge Erwachsene dauerhaft zusammen. Es gibt in dem Gebäude auch ein rollstuhlgerechtes Appartement, einen Hausmeister und die neuen Verwaltungsräume der Stiftung. Nun ist es an der Zeit, die Stiftung langsam unabhängig von mir werden zu lassen. Ich bin jetzt nur noch einen Tag in der Woche vor Ort. Ich werde 65 Jahre alt, mein Mann ist 72, es wird Zeit für Zweisamkeit und für unseren Enkel, der Anfang des neuen Jahres geboren wird. Die Stiftung ist gut aufgestellt. Wir haben es geschafft, die Projekte, die sich selbst tragen, dauerhaft in die Gesellschaft zu implementieren. Wir haben drei feste Arbeitsplätze geschaffen. Ich hoffe, dass ich es erreicht habe, das Team mit der Stiftungsidee mitzureißen, sodass es auch eigenständig weitere Projekte entwickeln wird. Mal schauen, ob sich meine Kinder irgendwann dafür interessieren, sich einzubringen – die Kompetenzen hätten sie.

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Das vollständige Interview mit Anne-Caroline Ramm, Gründerin und Geschäftsführerin der Anne-Ramm-Stiftung, lest ihr in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf – 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten“ (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Darin berichtet sie:

  • Was man als Quereinsteigerin in die Stiftungsgeschäftsführung lernen muss
  • Mit welcher Projektidee sie trotz mehrerer Anläufe gescheitert ist
  • Wie es Carl heute geht

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Seit 25 Jahren publiziert der Verlag Elmar Zinke unter dem Titel „Edition Profile“ Portraitbände über ausgewählte Persönlichkeiten und Geschäftsleute in einem bestimmten Einzugsbereich, deren Arbeit die Stadt oder Region prägt und Wertschätzung verdient. Die Serie umfasst rund 200 hochwertige Kunstdrucke mit Ledereinband und Fadenbindung, die in einer Manufaktur gefertigt werden und eine Sammlerzielgruppe ansprechen.

Der Interviewband „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ von Maja Roedenbeck ist neu nicht bei Amazon und anderen Onlinebuchshops erhältlich (gebraucht einige Zeit nach der Veröffentlichung erfahrungsgemäß schon), kann jedoch unter der ISBN-Nummer 978-3-941294-98-1 in jeder Buchhandlung bestellt werden. Oder direkt bei mir anfragen: redaktion[at]maja-roedenbeck.de