Die Unternehmensberaterin und der IT-Techniker: Liebe und Anarchie

Liebe und Anarchie Netflixserie Foto Ulrike Malm
Eine mittelalte Unternehmensberaterin und der junge IT-Techniker des Verlags, den sie gerade bei der digitalen Transformation unterstützt, beginnen eine Art Büro-Challenge. Gegenseitig fordern sie sich zu Aufgaben heraus, die Sofie ihren Ruf kosten könnten. Doch stattdessen steht plötzlich ihr Familienleben auf dem Kopf. Denn auch zu Hause beginnt sie sich zu verändern – und die Challenges bekommen zunehmend eine erotische Komponente. Die erste Staffel der schwedischen Netflix-Serie ging zwar schon 2020 an den Start, aber wer sie noch nicht gesehen hat, sollte das unbedingt nachholen.

Meine Identifikation mit Unternehmensberaterin Sofie geschieht geradezu instantan. Oh mein Gott, wie sehr sehnt man sich als Frau mitten in der Karriere- und Familienphase nach jemandem, der dieses Leben ordentlich durcheinanderbringt und einem ein Stück Selbstbestimmung zurückgibt! Dabei geht es in „Liebe & Anarchie“ (auf Schwedisch: „Kärlek & Anarki“) nicht um das Klischee eines im Hamsterrad gefangen Büromäuschens oder einer Helikoptermutter, die vor lauter den-perfekten-Kindergeburtstag-Organisieren vergessen hat, Frau zu sein. Im Gegenteil.

Aus gutem Grund eine starke Frau

Sofie ist von Anfang an sexy (schaut morgens im Bad einen Porno, während die Kinder frühstücken), unabhängig, stark, erfolgreich, ungewöhnlich. Später lernen die Zuschauer*innen, dass das daran liegt, dass sie einen psychisch kranken Vater hat, den sie bis heute betreut. Schon als Kind hat sie sich geschworen, nie so schwach zu werden wie er. Nach einem langweiligen Leben sieht das alles wirklich nicht aus, Sofie beschwert sich nur einmal, dass sie nie aus Stockholm hinausgekommen sei.

Auch die Ehe scheint anfangs ganz gut zu funktionieren. Zwar ist Sofies Mann eher genervt von ihren beruflichen Themen, doch er hört zumindest zu. Der kleine Sohn ist aufgeweckt und funktioniert, die Teenager-Tochter irgendwo zwischen hochsensibel und auf dem Autismus-Spektrum, bekommt aber die notwendige Aufmerksamkeit und Unterstützung von den Eltern. Und trotzdem – etwas fehlt. Denn gerade starke Frauen können ihre Stärke nur langfristig aufrechterhalten, wenn sie jenseits davon Kraft tanken können. Ich bin Sofie, und ich bin sicher, es gibt noch unzählige weitere Sofies da draußen. Nur dass leider meist kein hübscher, Mitte 20-jähriger IT-Techniker zum Spielen zur Verfügung steht.

Von der Challenge zum Techtelmechtel zum Befreiungsschlag

Eine Stärke der Netflix-Serie „Liebe und Anarchie“ liegt darin, dass es gelingt, den Spannungsbogen der Kerngeschichte über die gesamte erste Staffel aufrechtzuerhalten. Es geht nicht nur um den simplen Bruch von normal zu ausgeflippt. Es geht nicht nur um die Aufgaben, ein langweiliges Meeting aufzumischen oder jemanden grundlos anzubrüllen. Die Challenges von Sofie und Max werden von einer Spielerei zuerst zu einem Techtelmechtel und wachsen sich schließlich zu einem verzweifelten Befreiungsschlag aus. Sofie registriert, dass sie nicht zurück kann. Das Spielchen reicht ihr nicht mehr, sie muss ihr ganzes Leben umkrempeln.

Die Szene, in der sich der IT-Techniker und die Unternehmensberaterin in der vierten Folge der ersten Staffel zum ersten Mal küssen, entsteht aus einem Abklatschen. Max hat nämlich die Herausforderung bestanden, sich eine Festanstellung zu besorgen. Von einer Sekunde auf die andere wird aus der freundschaftlich-glücklichen Berührung ein Moment der Begierde. Es ist eine dieser seltenen Leinwandszenen, die den Zuschauer*innen auch auf der anderen Seite des Bildschirms eine echte körperliche Reaktion bescheren. Das Verlangen zwischen den beiden Protagonisten ist so greifbar, dass [WEITERLESEN]

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Die ganze Rezension „Die Unternehmensberaterin und der IT-Techniker: Liebe & Anarchie“ gibt es hier:

MaMagazine – Ausgabe No. 02/2025

Inhalt

  • Künstlerportrait: Jedes Selfie könnte das letzte sein – Seite 2
  • Reisebericht aus Ghana: Wo sich die Seelen der Verstorbenen treffen – Seite 7
  • Kurzgeschichte: Uwe und das Mädchen – Seite 17
  • Rezension: Liebe und Anarchie – Seite 21
  • Gedicht: Szene in Rot – Seite 24
  • Kolumne: Wer will schon die weise, alte Morla sein? – Seite 25
  • Kurzfilmprojekt: „Nicht so viel darüber nachdenken, was andere von mir halten“ – Seite 28
  • Gedicht: Stilles Kind – Seite 31
  • Reisebericht aus Australien: Wo das harte Leben Kunst inspiriert – Seite 32
  • Kurzgeschichte: Matthias Ginnberger zittert nicht – Seite 37
  • Künstlerportrait: Drei junge Musikerinnen zum Niederknien – Seite 40
  • Travel report: Where a hard life inspires art – Seite 45

Beitragsbild: Netflix / Ulrika Malm