Timo Hörske ist Datenschutzbeauftragter bei einem sozialen Träger in Bremerhaven, der Beschäftigung für Langzeitarbeitslose anbietet. Aber viel wichtiger: Er ist bekennender Pflanzenliebhaber. Und als solcher Vorsitzender mehrerer Kleingärtnervereine und Autor des Buches „Pflanzen mit Haltung“ (BoD, 2026), das an das Märchen „Der Tannenbaum“ von Hans-Christian Andersen erinnert. Im Interview erzählt Hörske, was ihn daran reizt, aus der Perspektive von Pflanzen über Menschen zu schreiben. [Sponsored Post]
Was können wir Menschen von den Pflanzen lernen?
Vielleicht vor allem eine andere Form von Gelassenheit. Pflanzen verhandeln nicht permanent, ob sie genug sind. Sie wachsen, wo sie stehen, reagieren auf das, was ihnen gegeben wird, und entwickeln daraus ihre eigene Form von Widerstand oder Anpassung. Manche sind genügsam, andere anspruchsvoll, manche setzen sich durch, andere warten ab. Aber keine tut so, als müsste sie jemand anderes sein, um bestehen zu können. In dieser stillen Konsequenz liegt etwas, das uns Menschen manchmal fehlt: die Fähigkeit, nicht jede Abweichung sofort als Problem zu begreifen. Und vielleicht kann man auch lernen, dass Wachstum selten spektakulär ist, sondern aus Wiederholung besteht – Licht, Wasser, Zeit. Drei Dinge, mit denen Menschen erstaunlich schlecht umgehen können.
Was können wir anhand ihres Umgangs mit Pflanzen über Menschen lernen?
Im Umgang mit Pflanzen spiegelt sich der Charakter ihrer Besitzer*innen oder Versorger*innen wider. Wenn jemand einer Pflanze, die ihm vielleicht noch nicht einmal gehört, den Staub von den Blättern wischt, aus seinem Wohnzimmer einen Dschungel macht oder seine Pflanze mit Dünger und Zuschnitt zu Höchstleistungen antreibt, sagt das etwas darüber aus, wie er*sie sein Leben lebt. Und oft zeigt sich darin auch ein bestimmtes Verhältnis zu Kontrolle. Wer ständig eingreift, optimiert, korrigiert, behandelt Pflanzen selten als eigenständige Lebewesen, sondern eher als Projekt. Andere lassen alles laufen und wundern sich dann, dass aus Gleichgültigkeit keine Stabilität entsteht. Dazwischen gibt es diese seltenen Momente, in denen Menschen einfach aufmerksam sind, ohne gleich gestalten zu wollen. Das sind meistens auch die, bei denen Pflanzen am besten aussehen – und Gespräche am angenehmsten sind.
Wie ist Deine Liebe zu Pflanzen entstanden?
Sie kam nicht mit einem großen Aha-Moment, sondern eher schleichend. Am Anfang stand die Beobachtung, dass Pflanzen in Räumen etwas verändern, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Sie sind da, reagieren, wachsen, halten aus – und irgendwann merkt man, dass sie mehr über ihre Umgebung erzählen, als man ihnen ursprünglich zugetraut hätte. Je länger man hinschaut, desto klarer wird, dass Pflanzen keine neutralen Objekte sind. Sie werden behandelt, übersehen, gepflegt, ausgestellt oder vergessen – und in all dem spiegeln sich sehr menschliche Muster. Aus dieser Beobachtung ist dann irgendwann Neugier geworden. Und aus Neugier schließlich eine Form von Zuneigung.
Wie würdest Du Dein Buch beschreiben?
Es enthält satirisch-humorvolle Fabeln aus der Perspektive verschiedener Pflanzen. Ob der Gummibaum im Sozialamt oder das Einblatt im Klassenzimmer – die Pflanzen werden in den Geschichten zu literarischen Figuren. Mit menschlichen Bedürfnissen und Gedanken beobachten und kommentieren sie, was um sie herum geschieht. Sie sehnen sich nach Berührung oder ärgern sich darüber, zum Projekt geworden zu sein. Die raumgreifende Kürbisranke und der ordentliche Bonsai streiten sich und werden zur Metapher für unterschiedliche Werte und Lebenseinstellungen. Eine Pflanze zitiert sogar Hamlet!
Was reizt dich daran, aus der Perspektive von Pflanzen über Menschen zu schreiben?
Mich reizt die Verschiebung der Perspektive. Sobald nicht mehr Menschen über sich selbst sprechen, sondern Pflanzen die Beobachterrolle übernehmen, entsteht ein anderer Blick auf dieselben Situationen. Dinge, die im direkten Gespräch schnell belehrend oder konfrontativ wirken würden, bekommen dadurch eine gewisse Leichtigkeit – ohne an Schärfe zu verlieren.
Ist es einfacher als direkt über Menschen zu schreiben, weil die Kritik über Bande kommt?
Einfacher vielleicht nicht, aber präziser. Über Pflanzen lässt sich vieles sagen, ohne dass sich jemand sofort verteidigen muss. Die Kritik kommt indirekt, aber oft klarer an, weil sie nicht als Angriff formuliert ist. Pflanzen haben keine Agenda, sie kommentieren nur. Und genau das macht es manchmal unangenehm treffend.
Wie vermeidet man bei dieser Erzählart, in Klischees zu verfallen?
Indem man die Pflanzen ernst nimmt. Nicht als Gag, sondern als Figuren mit eigener Logik. Wenn sie nur Platzhalter für menschliche Eigenschaften wären, würde es schnell flach werden. Interessant wird es erst, wenn ihre „Pflanzenhaftigkeit“ erhalten bleibt – also ihre Bedingungen, ihre Eigenarten, ihre Grenzen. Dann entstehen Figuren, die zwar menschlich wirken, aber nicht austauschbar sind. Und außerdem hilft es, den Figuren gelegentlich recht zu geben. Auch dann, wenn es unbequem ist.
Für welche Zielgruppe hast Du Dein Buch geschrieben?
Mein Buch richtet sich an alle, die schon einmal das Gefühl hatten, dass Gespräche einfacher wären, wenn Pflanzen sie führen würden. Es eignet sich nicht nur als Mitbringsel für Hobbygärtner*innen und Naturverbundene, sondern auch als Lektüre für Küchentischpsychologen und Menschen, die lieber ihre Umgebung beobachten als ins Smartphone zu starren. Man kann sich die Geschichten gegenseitig vorlesen und dadurch miteinander ins Gespräch über das Leben kommen. Und manchmal erkennt man sich vielleicht sich selbst in den Gesprächen der Pflanzen wieder – nicht immer dort, wo man es erwarten würden. Denn die Pflanzen in den Geschichten sind zwar frei erfunden, ihre Haltungen sind es oft nicht.
Was würdest Du Dir wünschen, dass Leser*innen nach dem Buch anders sehen?
Ich glaube, es geht gar nicht darum, dass man die Welt danach anders sieht. Aber vielleicht ein bisschen genauer. Vielleicht schaut man nach dem Lesen eine Pflanze nicht mehr nur als Deko an, sondern denkt kurz: Du hast wahrscheinlich auch eine Meinung. Und vielleicht überträgt sich das dann auch auf Menschen. Dass man Situationen nicht sofort bewertet, sondern einen Moment länger hinschaut. Dass man sich fragt: Welche Haltung steckt dahinter? Warum reagiert jemand so? Wenn das Buch dazu führt, dass man an der einen oder anderen Stelle schmunzelt – und danach einen Gedanken mitnimmt, der noch ein bisschen nachwirkt, dann hat es genau das erreicht, was ich mir wünsche. Und wenn jemand beim nächsten Blick auf eine Zimmerpflanze denkt: Du würdest das jetzt vermutlich ganz anders kommentieren – dann wäre das schon ziemlich viel.

