Ein Vollblutwissenschaftler, der an die traditionelle Maxime glaubt, dass Wissen der Allgemeinheit gehören sollte, und gleichzeitig bei den modernsten Forschungsmethoden mit Künstlicher Intelligenz ganz vorne mit dabei ist – das ist Prof. Dr. Karsten Reuter. Der Geschäftsführende Direktor des Fritz-Haber-Instituts der Max-Planck-Gesellschaft arbeitet am Thema Speicherung erneuerbarer Energien. Wie sich das Rollenbild eines Forschers in den letzten Jahren verändert hat und welche Tipps er dem Nachwuchs mit auf dem Weg gibt, erzählt er im Interview.
Bild: Haber-Institut / J. Lösel
Was war Ihr erster Kontakt zur Welt der Wissenschaft?
Mein Onkel, der nach dem frühen Tod meines Vaters ein Ersatzvater wurde, war theoretischer Physiker. Ein Vollblutwissenschaftler, viele Jahre lang Professor in Harvard. Auch wenn ich die Tragweite damals nicht vollständig verstanden habe, hat er mich stark fasziniert. Sein Leben war so ganz anders als das meiner nicht-akademischen Familie. Außerdem war ich gut in Mathe und Physik und so entschied ich mich, ebenfalls Physiker zu werden. Es ist eine Berufung! Ich mache das, was mir Spaß macht, 24/7, 100 Stunden die Woche. Natürlich ändern sich die Aufgaben mit den Jahren. Wenn man jung ist, arbeitet man sich voller Zuversicht und Selbstbewusstsein an den komplexesten Problemen ab und schaut, ob man etwas zu ihrer Lösung beitragen kann. Inzwischen sehe ich mich vor allem als Mentor für die nachwachsende Generation, möchte Wissen weitergeben und Türen öffnen. Wenn ich maximal viele intelligente Köpfe in die Gesellschaft entlassen kann, habe ich doch Hoffnung für unsere Welt.
Welche Botschaft geben Sie dem Nachwuchs mit?
Die wissenschaftliche Karriere ist ein steiniger Weg. Man kann sie nur als Idealist verfolgen. In den ersten Jahren gibt es keine Jobsicherheit und kein hohes Gehalt. Man arbeitet rund um die Uhr, weil man der Beste unter den Besten sein muss, um weiterzukommen. Auch der Glücksfaktor spielt eine Rolle. Man muss sich mit dem richtigen Thema beschäftigen, lange bevor es zum Wissenschaftstrend wird. Selbst wenn man alles gibt, kann es passieren, dass man kein Glück mit dem Forschungsthema hat und vielleicht doch irgendwann eine Stelle in der Wirtschaft annehmen muss.
Entscheidet man sich trotzdem für eine akademische Karriere, warten aber auch viele Belohnungen. Die Doktorarbeit nach dem Studium ist eine wunderbare Zeit, während der man die Welt der Wissenschaft entdecken und sich in einem internationalen Umfeld bewegen darf. In meiner Abteilung gibt es aktuell Mitarbeitende aus 26 Nationen mit 23 verschiedenen Sprachen. Wir kommunizieren auf Englisch und arbeiten trotz der kulturellen Diversität friedlich zusammen. Die Wissenschaft ist eine Blase, die eine Ahnung davon bietet, wie das Leben in einer heilen Welt aussehen könnte, wenn die Menschheit sich etwas anstrengen würde.
Die Post Doc-Phase sind die Lehr- und Wanderjahre des Wissenschaftlers. Man lernt, wissenschaftliche Methoden erstmals eigenständig auf konkrete Fragestellungen anzuwenden. Man erweitert sein Netzwerk, bekommt Einblicke in Führungsstile und die Möglichkeit für Auslandsaufenthalte. Danach steht eine Entscheidung an: Will ich alles auf eine Karte setzen? Wenn man kritisches Feedback bekommt nach dem Motto: „Dein Thema ist gerade nicht gesetzt, es gibt keine Juniorprofessuren in diesem Bereich“, darf man das nicht persönlich nehmen. Wo sich eine Tür schließt, gehen drei andere auf. In der aktuellen Situation werden mir meine Doktoranden aufgrund ihrer Kompetenzen mit hohen Gehaltsangeboten von Playern aus der Wirtschaft abgeworben. Ob man die richtigen Entscheidungen getroffen hat und welcher Strategie die eigene Karriere folgt, erkennt man oft erst rückblickend.
Wie verlief Ihre persönliche Karriere?
Ich bin in Nürnberg aufgewachsen und habe an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der University of York Physik studiert. Klaus Heinz leitete den Lehrstuhl, an dem ich meine Diplomarbeit schrieb und dessen familiäres, herzliches Umfeld ich liebte ohne Ende. Auch er wurde zu einem Vaterersatz – wir nannten ihn alle „den Babba“. Damals bekamen die beiden Jahrgangsbesten in Bayern ein Stipendium für eine Doktorandenstelle, und ich erarbeitete es mir. Es kam zu einer Zusammenarbeit des Lehrstuhls mit einer spanischen Forschergruppe am Instituto de Ciencia de Materiales de Madrid. Dort brauchte man einen Theoretiker, der bereit war, einen Großteil der Zeit in Spanien zu verbringen. Nun habe ich zufällig sowieso einen spanischen Familienteil und es passte perfekt.
1995 promovierte ich bei Klaus Heinz. Danach riet er mir, eine akademische Karriere anzustreben, und legte bei Prof. Dr. Matthias Scheffler, meinen Vorgänger am Fritz-Haber-Institut, ein gutes Wort für mich ein. Ich bekam eine Chance in Form einer auf fünf Jahre befristeten Post-Doc-Stelle und arbeitete mich hoch. Nach einem weiteren Post-Doc-Aufenthalt am Institute for Atomic and Molecular Physics in Amsterdam leitete ich von 2005 bis 2009 eine selbstständige Nachwuchsgruppe am Fritz-Haber-Institut und habilitierte 2005 an der Freien Universität Berlin in Theoretischer Festkörperphysik. 2009 bis 2020 hielt ich den Lehrstuhl für Theoretische Chemie an der Technischen Universität München. Seit 2020 bin ich Direktor und wissenschaftliches Mitglied am Fritz-Haber-Institut.
Welche Geschichte verbirgt sich hinter dem Institut?
Das Fritz-Haber-Institut ist aus dem Kaiser Wilhem Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie hervorgegangen, das 1911 gegründet wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden in Steglitz-Zehlendorf mehrere wissenschaftliche Institute, weil nach der Erfindung der ersten Farbstoffe und künstlichen Düngemittel die Erkenntnis aufkam, dass Grundlagenforschung in Physik und Chemie wirtschaftlich interessant sein könnte. Kaiser Wilhelm stellte das Gelände der Jagddomäne Dahlem zur Verfügung, um außerhalb der Stadt eine Art deutsches Oxford zu errichten. Es gab nicht nur die Institute, in denen unter anderem Otto Hahn forschte und die Kernspaltung entdeckt wurde, sondern auch Wohnungen für Wissenschaftler. Im Harnack-Haus, heute eine Tagungsstätte, gab es Ballsäle und einen Bridgeclub. Unser historischer Campus steht großteils unter Denkmalschutz. Wir bewahren hier einen Teil der deutschen Wissenschaftsgeschichte.
Nach den beiden Weltkriegen wurden die Kaiser Wilhelm Institute umbenannt. Weil Nobelpreisträger Fritz Haber unser erster Direktor gewesen war, bekamen wir den Namen Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft. Wir beschäftigen uns mit der Energieforschung: Alternative Energien lassen sich bereits aus Wind und Wasser gewinnen, aber wir können sie nur begrenzt speichern, beispielsweise in einer Autobatterie. Um ein Kraftwerk einen Winter lang zu versorgen, reicht es noch nicht. Unser Ansatz ist es, die Energie in Form von synthetischen Kraftstoffen zu speichern – indem man sie in eine chemische Verbindung umwandelt. Am einfachsten wäre Wasserstoff, doch dieses Gas kann man nicht ohne Verluste transportieren und im flüssigen Zustand ist es hochexplosiv. Kohlenstoff oder Stickstoff wären einfacher zu handhaben. Wie wir solche Moleküle in großen Mengen herstellen können, ist aktuell unsere Forschungsfrage. Wir geben die Grundgesetze der Quantenmechanik in Computer ein und programmieren Algorithmen so, dass sie Experimente simulieren können. Im Fritz-Haber-Institut betreiben wir drei experimentelle Abteilungen mit Laboren und eine theoretische Abteilung, in der wir mit Künstlicher Intelligenz (KI), der Berechnung physikalischer Modelle und der Auswertung von Datenbanken an denselben Fragen arbeiten – letztere ist meine.
Sehen Sie Künstliche Intelligenz demnach eher als Chance denn als Bedrohung?
Ich habe das Thema KI sehr früh entdeckt, nachdem ich schon als Jugendlicher ein Commodore 64-Nerd und Mitglied in Hacker-Organisationen gewesen war. Anfang der 2010 er Jahre waren die Methoden so weit, dass man händeringend nach größeren Experimenten suchte, die man rechnen könnte. Ich begann, die Vorläufer der Künstlichen Intelligenz mit der Forschung in der Chemiebranche zu verbinden und traf damit unbewusst die richtige Entscheidung. Parallel zu meiner wissenschaftlichen Karriere ist das Thema abgehoben. Die Diskussion, die im Moment über Künstliche Intelligenz geführt wird, halte ich für sehr beschränkt.
Beide Ansichten sind richtig: Von KI kann ein Risiko ausgehen und KI kann weltrettende Technologien befördern. Noch vor zwei Jahren hätte ich nicht für möglich gehalten, was wir im Institut heute vollbringen. Durchbrüche kommen im Monatstakt. Durch KI werden aber auch ganze Berufsfelder implodieren. Diese Entwicklung sollten wir nutzen, um größer zu denken und uns zu fragen: Wie wollen wir unser menschliches Leben verbringen? Bisher war es notwendig zu arbeiten, weil die Welt nur so funktionierte. Wenn KI uns die Arbeit abnehmen kann, und das werde ich wohl teilweise noch erleben, haben die Menschen keine Aufgabe mehr. Das kann im Desaster enden, denn der Mensch braucht Ziele und Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Wir müssen andere Betätigungsfelder finden: Sozial- und Pflegeberufe, Vereine, Ehrenämter. Alles, was aktuell zu kurz kommt.
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Dieser Ausschnitt meines Interviews mit Prof. Dr. Karsten Reuter, Geschäftsführender Direktor des Fritz-Haber-Instituts, stammt aus meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“: 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Darin erzählt er außerdem:
- Wie er seine Forschungsergebnisse in die Gesellschaft bringen will
- Wie Kooperationen zwischen der Wissenschaft und Konzernen die Forschung verändern
- Wie er in seiner wenigen Freizeit abschaltet
Seit 25 Jahren publiziert der Verlag Elmar Zinke unter dem Titel „Edition Profile“ Portraitbände über ausgewählte Persönlichkeiten und Geschäftsleute in einem bestimmten Einzugsbereich, deren Arbeit die Stadt oder Region prägt und Wertschätzung verdient. Die Serie umfasst rund 200 hochwertige Kunstdrucke mit Ledereinband und Fadenbindung, die in einer Manufaktur gefertigt werden und eine Sammlerzielgruppe ansprechen.
Der Interviewband „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ von Maja Roedenbeck kann unter der ISBN-Nummer 978-3-941294-98-1 in jeder Buchhandlung bestellt werden. Oder direkt bei mir anfragen: redaktion[at]maja-roedenbeck.de

