„Auch ein König benutzt im Garten die Schaufel“: Gabriella Pape

Seit sie laufen kann, hat sie Gießkannen hinter sich hergezogen. Die Regale in ihrem Büro sind bis unter die Decke mit Gartenlehrbüchern gefüllt. Gabriella Pape, Geschäftsführerin der Königlichen Gartenakademie in Dahlem, widmet ihr Leben der Kunst, Wohlfühloasen zu schaffen, und der Weitergabe ihres umfangreichen Wissens. Auf welchen Karrierestationen sie es gewonnen hat und warum man den Trend zum Naturgarten hinterfragen sollte, erzählt sie im Interview.

Mit der Königlichen Gartenakademie haben Sie eine echte Institution in Steglitz-Zehlendorf geschaffen, wie kam es dazu?

Ich habe eine Lehre als Baumschulerin gemacht und danach ein begehrtes Stipendium für ein Masterprogramm in den Kew Royal Botanical Gardens in London erhalten. Es gibt jährlich nur 16 Plätze und 500 Bewerbende für den Studiengang „Horticulture“, was häufig fälschlich mit „Gartenbau“ übersetzt wird. Eigentlich bedeutet es „Gartenkultivierung“ und umfasst 64 Fächer, darunter Klimakunde, Bienenkunde, Botanisches Zeichnen, Pflanzenvermehrung und -morphologie, Gemüseverwertungskunde. Es gehört viel Wissen dazu, einen Garten am Leben zu erhalten!

Schon während des Studiums – anschließend habe ich noch Landschaftsarchitektur an der Universität of Greenwich studiert – habe ich meine erste eigene Gartenpflegefirma gegründet, denn ich wollte nie Angestellte sein, sondern immer etwas Eigenes aufbauen. In England gibt es wunderschöne Grundstücksmauern mit riesigen alten Zedern, und ich wollte wissen, welcher Landsitz sich dahinter verbirgt, den ich dann pflegen durfte. Ich habe viele Skizzen angefertigt, um mein Auge zu schulen und herauszufinden: Warum fühlt man sich in einem Garten besonders wohl oder eben nicht? Der englische Stil hat mich sehr geprägt, zu meinen Favoriten gehören der Hitcode Manor Garden und die Kiftsgate Court Gardens.

Gemeinsam mit meiner Partnerin Dr. Isabell Van Groeningen habe ich 1992 das Landschaftsarchitekturbüro Landart gegründet, zunächst mit Sitz in London, dann in Cotswolds, einer Region im Südwesten Englands. Mein Büro lag in einer traumhaften historischen Scheune! Wir haben Privatgärten, aber auch Gärten für renommierte Organisationen wie den National Trust gestaltet. Von Anfang an war klar, dass ich das 10 oder 15 Jahre machen und mir danach eine neue Aufgabe suchen würde. Und so ist es auch gekommen. 2005 brach ich mir den Fuß, musste eine Pause einlegen und habe von einem Ort in meinem Heimatland geträumt, an dem Gartenkultur weitergegeben wird. Seit der Wende hatte ich schon einige Gärten von Wannsee-Villen gestaltet. 2007 haben wir unsere Firma in England aufgelöst.

Zu dem Zeitpunkt hatten wir bereits seit zehn Jahren Gartenreisen durch England organisiert und dadurch einen Professor von der Technischen Universität Berlin kennengelernt. Er gab uns den Tipp, dass das verfallene Gelände der Königlichen Gartenlehranstalt in Dahlem zum Verkauf stünde. Die Lehranstalt war 1823 von Gartenkünstler Peter Joseph Lenné in Potsdam gegründet und Anfang des 20. Jahrhunderts nach Dahlem verlegt worden. Wer dort ausgebildet worden war, bekam die besten Posten im Land, leitete Hofgärten mit 50 Gärtnern, die ein ganzes Dorf mit Lebensmitteln bestückten. Obwohl die Besichtigung an einem kalten, grauen Novembertag stattfand, habe ich mich sofort in diesen Ort verliebt!

Ihn zu der Gartenoase zu machen, die er heute ist, war sicher eine Herausforderung?

Es war schwer, die Leute von meinen Plänen zu überzeugen. Manche haben geglaubt, ich wolle Hochhäuser auf dem Gelände bauen, dabei stand es unter Denkmalschutz. Der damalige Berliner Finanzsenator wollte das Projekt untersagen, nachdem der Kaufvertrag bereits unterschrieben war und ich mein gesamtes Erspartes in die Planung mit den Ingenieuren und Architekten gesteckt hatte. Doch dann durfte ich 2007 als erste und bis heute einzige Deutsche den Schaugarten für die Chelsea Flower Show gestalten und erhielt eine vergoldete Silbermedaille dafür. Das war ein Ritterschlag. Ich traf den damaligen Prinzen Charles und die Queen. Danach waren die Probleme mit dem Kaufvertrag ganz schnell behoben!

Es ist doch sehr befriedigend, wenn man aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, etwas Schönes macht. Es gab zwar noch einige Hürden beim Bauantrag und wir mussten 2,5 Millionen Euro in den Umbau stecken, aber am 1. Mai 2008 konnten wir die Königliche Gartenakademie Berlin nach nur sieben Monaten eröffnen. Anfangs kamen Menschen, die im Nationalstolz etwas Negatives sahen, und mit Blick auf unseren Namen schimpften: „Der König ist doch schon lange tot!“ Heute haben wir tausende Besucher im Jahr, die sagen: „Wenn es mir schlecht geht, komme ich her und erfreue mich am Summen und Brummen, an den Salamandern und Blüten.“ Wir bieten eine 10.000qm große historische Gartenanlage und charmante Staudenbeete zum Flanieren, Gartenkurse zu saisonalen Themen, Führungen und Vorträge. In unserem Gartendesignstudio planen wir Gärten, in der Gärtnerei verkaufen wir Gehölze, Stauden, Beet- und Balkonpflanzen, Kräuter, Gemüsejungpflanzen, Frühjahrszwiebeln und Saatgut sowie hochwertige Gartenaccessoires und Geschenkartikel. Von Anfang an gehörte auch unser Café zum Konzept.

Was ist Ihr Hauptanliegen und Ziel mit der Königlichen Gartenakademie?

Zum einen möchte ich eine Oase zum Wohlfühlen gestalten, zum anderen Wissen weitergeben. Wir erleben momentan eine größere Ökobewegung, im Rahmen derer leider auch viel Halbwissen verbreitet wird. Die Menschen möchten die Natur in die Stadt holen, bevorzugen Naturgärten gegenüber angelegten Gärten und teilen Tipps in den sozialen Netzwerken. Doch dabei machen sie viele Denkfehler.

Auf Instagram werden schnelle Lösungen verbreitet, ohne die Nebenwirkungen zu bedenken. Demnach soll man Pflanzen mit Zuckerwasser gießen, damit sie besser gedeihen – aber damit holt man sich eine Fruchtfliegenplage ins Haus. Bei den Naturgärten ist zu bedenken, dass es einen erheblichen Aufwand bedeutet, ein echtes Naturbiotop zu erhalten. Einfach nur alles wild wuchern zu lassen, führt nicht zu einer natürlichen Diversität von Pflanzen und Tieren, sondern dazu, dass besonders robuste oder invasive Pflanzenarten wie die Brombeere, der Götterbaum oder das Japanische Knotenkraut die Fläche komplett beherrschen. Zwischen naturnah und verwahrlost liegt nur ein schmaler Grat. Wir sollten auch Pflanzen wie den Lavendel in Betracht ziehen, die nicht auf der Liste der einheimischen Pflanzen des Naturschutzbundes stehen, aber die meisten Insekten anziehen!

Und was die Stadtbegrünung angeht: Es bringt nichts, unbegrenzt Bienenstöcke auf Dächer zu stellen oder Eichen an den Straßenrand zu pflanzen, die eingehen. Insekten brauchen den Übergang in die halbgezähmte Landschaft, zu viele Bienen in der Stadt sind auch nicht die Lösung. Und die „Deutsche Eiche“ ist sowieso nicht deutsch, sondern heißt in England „Englische Eiche“ und in Belgien „Heimische Eiche“. Es gäbe südamerikanische Baumarten aus gemäßigten Zonen in Chile, die Vulkanerde gewohnt sind und viel besser mit dem städtischen Klima und der Luftverschmutzung klarkommen würden – wie etwa den Nothofagus. Wenn man möchte, dass Stadtbiotope wie der Gleisdreieckpark auf Dauer funktionieren, muss man studierte Experten das Unkraut jäten lassen, wie es in Schweden oder den Niederlanden Gang und Gäbe ist.

Lernt man denn all diese Dinge in Ihren Gartenkursen?

Ja, ich gebe dort nur Wissen weiter, das sich über Jahre bewährt hat. Es gibt bei mir weder historische Mythen, die längst widerlegt sind, noch schnelle Instagram-Tipps. Ich versuche, Vorurteile abzubauen, die es schon immer gab. Nach dem Krieg haben die Menschen im Garten vor allem Gemüse gepflanzt, um zu überleben, und nur die Elite konnte es sich leisten, Blumengärten anzulegen. Als ich vor 50 Jahren Kind war, war es verpönt, sich auf der Terrasse zu sonnen. Meine Eltern kauften zwei dänische Klappliegen, mein Großvater war entsetzt! Bis heute assoziieren viele Deutschen noch immer mit „Garten“, dass man sich mit dem Rasenmäher abrackert. Dabei braucht unsere Seele schöne Dinge wie Blumen und ihre Düfte. Gärten, die das ganze Jahr über durchblühen, nicht nur Grills und Trampoline auf der Wiese.

In England gibt es dafür ein ganz anderes Verständnis. Gärtnern ist etwas Verbindendes zwischen den gesellschaftlichen Schichten. Wenn Queen Elizabeth Lieschen Müller die Hand geschüttelt hat, hat sie gefragt: „Was machen die Geranien?“ Und der König stochert auch nicht mit dem goldenen Zepter in der Erde herum, sondern er greift zur Schaufel wie jeder andere. Ob bei der Dinnerparty im Dorfladen auf dem Land oder beim Meeting mit Bänkern in London – wenn Streit droht, wird das Thema Garten angeschnitten und beruhigt sofort die Gemüter. Wenn ich in Deutschland sage: „Ich bin Gärtnerin“, fällt meinem Gegenüber dagegen oft nur ein: „Ach, wie nett, Sie sehen gar nicht so aus.“

Welche Zukunftspläne haben Sie für die Königliche Gartenakademie?

An Ideen für die Königliche Gartenakademie mangelt es mir auch im Alter von 62 Jahren nicht, aber im Moment geht es eher darum, die „Krise auszuschaukeln“. Unsere Stromkosten für den Betrieb der Gewächshäuser sind explodiert, viele mittelständische Unternehmen in der Branche müssen schließen. Gemüse und ein- bis zweijährige Pflanzen ziehen wir zwar selbst, aber bei anderen Pflanzen sind wir auf die Zulieferer angewiesen. Personal zu finden ist schwer, besonders, wenn man Wert auf gut ausgebildete und engagierte Mitarbeitende legt. Gärtner ist ein anstrengender Beruf, dafür muss man sich berufen fühlen. Gute Beratung ist in der Königlichen Gartenakademie essenziell. Wir schwatzen den Kunden keine Balkonpflanzen auf, die Sonne brauchen, wenn sie nur einen schattigen kleinen Austritt haben. Aber wir können die Gehälter nicht einfach so anheben, um attraktiver für Bewerbende zu sein, denn dann würden die Pflanzen teurer und die Menschen könnten sie sich nicht mehr leisten. Trotz allem mache ich mir keine Sorgen, denn Gärten wird es auch in Zukunft geben. Der Mensch wird immer Grün um sich herum haben wollen und es als Lebensgrundlage auch brauchen. Gerade in Krisenzeiten wendet er sich zur Natur hin. Der Garten ist eine Lebensschule, die man durch nichts ersetzen kann.

Weiterlesen

Das Interview mit Gabriella Pape, Geschäftsführerin der Königlichen Gartenakademie in Dahlem, stammt aus meinem neuen Sachbuch Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“: 49 Karrieregeschichten Berliner Persönlichkeiten (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026).

Seit 25 Jahren publiziert der Verlag Elmar Zinke unter dem Titel „Edition Profile“ Portraitbände über ausgewählte Persönlichkeiten und Geschäftsleute in einem bestimmten Einzugsbereich, deren Arbeit die Stadt oder Region prägt und Wertschätzung verdient. Die Serie umfasst rund 200 hochwertige Kunstdrucke mit Ledereinband und Fadenbindung, die in einer Manufaktur gefertigt werden und eine Sammlerzielgruppe ansprechen.

Der Interviewband „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ von Maja Roedenbeck kann unter der ISBN-Nummer 978-3-941294-98-1 in jeder Buchhandlung bestellt werden. Oder direkt bei mir anfragen: redaktion[at]maja-roedenbeck.de