Auf der Suche nach Löwen reiste Autorin Maja Roedenbeck in die ugandische Savanne – und fand die 67-jährige Niederländerin Petra Hogendoorn. Ein außergewöhnliches Leben zwischen Südafrika, der Karibik und Malta hat die Aussteigerin mindestens genauso stark gemacht wie es die Könige der Tiere sind.
Als sich über den Murchison Falls ein Regenbogen bildet, kommen Petra und mir die Tränen. „Ein Zeichen von Benjamin!“, sagt sie. Ein Zeichen von Andy, denke ich. Derweil kippt die schwäbische Reisegruppe, die zu unserem Leidwesen auch gerade hier Station macht, ein Bier nach dem anderen herunter, anstatt die afrikanische Natur zu bestaunen. Ihr Guide macht ein pupsendes Nilpferd nach, alle lachen schallend. Am liebsten möchte ich sie den Krokodilen zum Spielen vorwerfen, die am Flussufer im Gras schlafen. Elefantenfamilien trotten in langen Reihen an ihnen vorbei, auf der Suche nach einem Schlammloch, in dem sie ihre massigen Körper kühlen können. Ich bin so froh, dass mich das Schicksal mit Petra zusammengewürfelt hat! Zwei unabhängige Frauen, die einander viel zu sagen haben, aber auch die Stille respektieren können, wenn sie fühlen, dass die andere sie braucht.
Ich habe die 67-jährige Niederländerin mit der blonden Lockenmähne im Hostel kennengelernt. Davon gibt es in Uganda nicht viele. Typische Traveller auch nicht, dafür Expats im mittleren Alter, die unglaubliche Geschichten zu erzählen haben. Petras beginnt so: aufgewachsen in Südafrika, 27 Jahre dort gelebt. „Im Herzen bin ich Afrikanerin“, sagt sie. Die britische Betreiberin des Red Chilli Hideaways dagegen ist die Witwe eines ehemaligen Mitarbeiters aus dem diplomatischen Dienst, der ab 1999 die ersten Anlaufstellen für Backpacker in Uganda etablierte. In der Nähe des Zeltlagers im Murchison Falls-Nationalpark, in dem Petra und ich untergekommen sind, wurde er 2005 von Rebellen der Lord’s Resistance Army erschossen. Da half er gerade einer Gruppe Paddler, die bei einem Rekordversuch in den Stromschnellen des Nils in Schwierigkeiten geraten waren.
„Ein majestätischer Anblick explodierte über uns“
Der erste Europäer, der die Murchison Falls im März 1864 zu Gesicht bekam, war der britische Entdecker Samuel Baker. Als Gouverneur der Region Äquatoriales Nil-Becken sollte er den Flussabschnitt hinter dem Lake Albert erkunden. Sich dabei nur auf seine eigenen Augen verlassen, um „die Nilfrage ein für alle Mal zu klären“. Das kostete ihn das Leben seiner zweiten Frau Florence, die kurz vor den Murchison Falls der Malaria erlag. Baker hatte sie auf einem Sklavenmarkt in Europa freigekauft. Als ich den Eintrag aus seinem Expeditionstagebuch lese, muss ich schon wieder vor Rührung weinen. Denn wir sind mit dem Floß auf demselben Weg gekommen wie er – und in der fünften Woche in Uganda bin ich von der Härte des afrikanischen Alltags recht dünn besaitet.
„Das Rauschen des Wasserfalls war extrem laut, und nach zweistündigem, anstrengenden Paddeln währenddessen die Strömung zunahm, kamen wir an einem Punkt an, an dem der Fluss eine leichte Biegung machte. [Dahinter] explodierte plötzlich ein majestätischer Anblick über uns. Auf beiden Seiten des Flusses ragten wunderschöne bewaldete Klippen von 300 Fuß Höhe empor, Felsen stachen aus dem intensiven Grün hervor, und durch eine Kluft, die den Felsen entzweite, rauschte direkt vor uns der Fluss […] senkrecht in den finsteren Abgrund darunter. Der Wasserfall war schneeweiß, was einen wunderschönen Effekt vor den dunklen Felsen hatte […], während die grazilen Palmen der Tropen und wilde Bananenstauden die Schönheit des Anblicks perfektionierten. Dies war also der größte Wasserfall des Nils, und zu Ehren des Präsidenten der Royal Geographical Society nannte ich ihn Murchison Falls.“
Tonic Water gegen die Mücken
An diesem erhebenden Ort – die Atmosphäre schwanger von bestandenen Wagnissen – ist es naheliegend, dass auch Petra ihre Abenteuer auspackt. Vom Feuerplatz unseres Camps aus können wir den mächtigen Fluss in der Ferne vorbeifließen sehen, als sie zu erzählen beginnt: „Mein Vater war im Immobiliengeschäft tätig. In den 1960er Jahren gab es für ihn in Holland keine Arbeit. In Südafrika bot sich eine Chance, die er ergriff.“ Die Familie zog hinterher, auch weil das Klima für Petras schweres Asthma gut sein sollte. „Ich bin kolonialistisch erzogen worden“, sagt sie in ihrem gezierten, britischen Englisch. Zwecks Malaria-Prophylaxe schwört sie auf Tonic Water, das Chinin enthält: „Mein Blut ist so bitter, dass es den Moskitos nicht schmeckt!“
Weil der Einbruch des Immobilienmarktes Ende der 1970er Jahre die finanzielle Sicherheit der Familie bedrohte, kehrte Petra mit ihren Eltern nach dem Schulabschluss in die Niederlande zurück. „Doch schon bald stellte ich fest, dass ich nicht dorthin gehörte“, gibt sie zu. Alleine machte sich die junge Frau wieder auf den Weg nach Südafrika. Zehn Jahre lang hielt sie sich dort mit verschiedenen Jobs über Wasser. Mit 30 lernte sie den ungarischen Flüchtling Leonard kennen. „Ich bin zu ihm aufs Boot gehüpft und mit ihm durchgebrannt“, kichert Petra wie ein junges Mädchen. Ich vergöttere diese Frau!
Muscheltausch im Indischen Ozean
Gemeinsam mit Leonard segelte sie einige Jahre im Indischen Ozean umher. Eine Tochter wurde in einem Inselkrankenhaus auf den Komoren geboren. Seinen Lebensunterhalt verdiente sich das Aussteigerpaar damit, Seife und Zigaretten bei den Einheimischen auf abgelegenen Inseln gegen seltene Muschelschalen einzutauschen. Die ließen sich an Händler auf dem Festland verkaufen, die sie wiederum auf den Touristenmärkten feilboten. Da die Tätigkeit nicht angemeldet war, drohte irgendwann Ärger. Leonard und Petra machten sich in Richtung Karibik davon.
Ihr Baby war erst ein paar Monate alt, als die kleine Familie in die Ausläufer von Luis geriet, einem Hurricane der Kategorie 4 in der historisch starken Sturmsaison von 1995, in dessen Verlauf das Kreuzfahrtschiff Queen Elizabeth II von einer 30 Meter hohen Monsterwelle getroffen wurde. „Wir waren 72 Stunden am Stück wach und warfen fast alles von Bord, was wir hatten, um das Boot leichter zu machen“, erinnert sich Petra. „Zweimal legte es sich komplett auf die Seite, der Mast berührte das Wasser. Als wir endlich ein geschützteres Seegebiet erreichten, ankerten wir mit mehreren Ankern, weil wir unbedingt Schlaf brauchten. Aber der Wind war immer noch wild, alle Ketten rissen.“ Zum Glück hatte die Küstenwache das Notsignal der Schiffbrüchigen gehört. „Nie werde ich den Moment vergessen, als wir aufwachten und das Rettungsboot auf uns zukommen sahen!“, seufzt Petra. Meine eigene Angst vor den Pavianen, die in der Gegend um die Murchison Falls Autos und Zelte plündern und auch schon einheimische Menschenbabys entführt und gefressen haben sollen, scheint dagegen reichlich zimperlich.
Auf einer Welle aus Sand reiten wir in den Graben
Schon kurz nachdem die Sterne wie Puderzucker am Nachthimmel aufgegangen sind, legen Petra und ich uns schlafen. Denn am nächsten Morgen wollen wir früh los. Vor unseren Zelten werden Kerosinlampen aufgestellt, damit wir auf dem Weg zum Klo nicht aus Versehen in einen Hippo hineinlaufen. Während sie sich tagsüber im Fluss abkühlen, spazieren die mächtigen Säugetiere nachts bis zu sieben Kilometer an Land und suchen Futter. „Wenn ein Nilpferd in der Nähe ist, kann man das nicht überhören“, schmunzelt der Campmanager, „Sie rupfen das Gras in Büscheln aus, sodass man denkt, die Erde bebt. Eigentlich sind sie Vegetarier, aber um sich zu verteidigen, können sie auch Menschen töten.“
Noch vor Sonnenaufgang holt uns unser Fahrer Meddy ab. „Nachdem ich euch gestern abgesetzt hatte, habe ich eine Gruppe Löwen gesehen!“, berichtet er aufgeregt. „Direkt vorne an der Nilbrücke! Wenn sie sich niedergelassen hätten, hätte ich euch geholt, aber sie zogen weiter.“ Wie schade! Ob wir heute genauso viel Glück haben werden? Wir sammeln Rangerin Patricia ein und brettern in der Dunkelheit über Schotter- und Sandpisten in die Savanne. Meddy hat das Dach unseres Kleinbusses hochgeklappt, sodass wir uns hinstellen und hinausschauen können. Schnell wird klar, dass man das nur tun sollte, wenn wir anhalten. Denn die halsbrecherische Fahrt ist nicht ungefährlich. Einmal verlieren wir auf nassem Sand den Grip und reiten wie auf einer Welle drei, vier Meter in den Graben, bevor Meddy die Gewalt über das Fahrzeug zurückgewinnt.
Giraffen im ersten Morgengrauen
Patricia sucht derweil mit ihrer Lasertaschenlampe nach Tieren. Wegen der Hitze in der afrikanischen Savanne sind sie am liebsten nachts und in den frühen Morgenstunden unterwegs. Die Rangerin blendet zwei Giraffen, die erschrocken davongaloppieren. Ich bin noch nicht überzeugt, dass es eine gute Idee ist, die Natur auf diese Weise zu stören. Aber dann geht die Sonne über den Akazien auf und es ist einfach magisch! Dieses scharfe, harte Licht! Die weltferne Einsamkeit! Die unglaublich zahlreichen, unglaublich schönen Tiere, die die Ebene bevölkern! Warum gibt es am Rhein keine Elefanten? Was haben die ersten Muzungus (Weißen) gedacht, die einen Dickhäuter zu Gesicht bekamen?
Etwa fünfzehn Fahrzeuge sind unterwegs. Die Ranger und Fahrer halten rufend und mit ihren Handys Kontakt und geben Informationen weiter, welche Tiere wo gesichtet wurden. Dann preschen sie aus allen Richtungen herbei, kreuz und quer durchs Gelände, auf vorgezeichneten Pisten zwar, aber mit wilden Wende- und Überholmanövern. Wir kommen uns vor wie Spielfiguren in einem Actionspiel auf der PlayStation. Beobachten ungezählte Elefanten: säugende Babys, mächtige Bullen, übermütige Teenager in einem Gebüsch aus Fächerpalmen, die uns mit aufgestellten Ohren drohen. Wir sehen Büffelherden und grasende Antilopen. Patricia entdeckt einen Leoparden im Baum. Ein Bein und sein Schwanz hängen von dem Ast herunter, auf dem er es sich gemütlich gemacht hat.
In Minuten pustet der Wind uns wieder trocken
Am späteren Vormittag wird die Fahrt ruhiger. Auf einer Panoramapiste, die nur noch aus zwei Reifenspuren durch das strohgewordene Gras besteht, geht es am Ufer des Lake Albert entlang. Das ist der See, in den sich der Nil nach den Murchison Falls ergießt und in dem er die Richtung wechselt, um geradeaus nach Norden bis zum Mittelmeer zu fließen. Störche stochern in den Seerosenfeldern nach Futter, zwei Geier lauern auf den Sensenmann. Zurück im Camp versuche ich, etwas Schlaf nachzuholen, aber es ist zu heiß im Zelt. Das Einzige, was man zur Abkühlung tun kann, ist, sich kalt abzuduschen und ohne sich abzutrocknen wieder in die Klamotten zu steigen. Im warmen Wind dauert es einige kostbare Minuten, bis man trockengepustet ist und wieder anfängt zu zerfließen.
Petra nimmt den Faden von gestern Abend auf: „Durch Hurricane Luis verloren wir unser Boot. Es war ernsthaft beschädigt und sank im Hafen. Nur noch die beiden Masten aus dem Wasser ragen zu sehen, war niederschmetternd!“ Mit ihrer Tochter, zwei Katzen, drei Hunden und den paar Fotoalben, die ihnen von ihrem persönlichen Besitz noch geblieben waren, zog das Paar in einen Schiffscontainer.
„Die Stimmung nach dem Sturm war eine ganz besondere“, erinnert sich Petra. „Völlig fremde Menschen halfen einander, und auch uns, wo sie nur konnten. Das Rote Kreuz gab uns Kleidung und Planen. Ich fasste neuen Mut.“ Doch Leonard saß der Verlust in den Gliedern, er veränderte sich. Obwohl Petra ihm noch einen Sohn gebar, trieb ihn der Wind zwei Jahre nach dem großen Sturm neuen Segelabenteuern entgegen. Zwei Liebende, die unterschiedlich mit einem Schicksalsschlag umgehen und einander darüber verlieren – das kenne ich aus eigener Erfahrung nur zu gut.
Familienleben in der Karibik
Petra ließ sich auf der zur Hälfte niederländischen Insel St. Martin nieder, wo sie wegen ihrer Staatsbürgerschaft problemlos bleiben konnte. Dort lebte sie 21 Jahre lang und zog ihre Kinder groß. Fand einen Stiefvater für sie, den sie liebten. Doch mit der Zeit wurde es ihr auf der charmante Trauminsel zu eng. „Sie ist sehr klein und teuer, alles muss importiert werden. Man kommt kaum woanders hin. Selbst ein Flug auf die Nachbarinsel kostet hunderte Euro“, erzählt Petra. Ihre Tochter lebt trotzdem bis heute auf St. Martin. Sie arbeitet für die Regierung und erwartet ihr erstes Kind.
Ihr Bruder lebt in den Niederlanden. Petra kehrte ebenfalls dorthin zurück, kaufte und sanierte zwei heruntergekommene Fischerhäuser und tingelte mit ihrem Campervan durch die Lande. Einmal wurde ein geplatzter Leberabszess zum akuten Notfall, sie war auf sich alleingestellt. Auf Malta lernte sie einen Kapitän kennen, Benjamin, und verliebte sich in ihn. Er besorgte Petra eine Anstellung als Chef-Concierge auf seinem Kreuzfahrtschiff, und so kam es, dass sie wieder mit einem Schatz über die Weltmeere fuhr. Was für ein Leben!
Petra ist noch so viel mutiger als ich, aber [WEITERLESEN]

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Die ganze Reisereportage „Afrikanerin im Herzen – Wie ich mit Aussteigerin Petra auf Safari ging“ kannst du in MaMagazine – Ausgabe No. 03 (2026) lesen:
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Darin berichtet Petra, warum das Aussteigerleben nicht immer nur ein rosarotes Paradies im Sonnenuntergang ist, wie sie innerhalb von nur 15 Tagen ihre beiden Lieblingsmenschen verlor und wie sie auf einer Insel im Lake Victoria Zuflucht vor der Einsamkeit sucht.
Inhalt
- Editorial – Seite 1
- Reisereportage aus Uganda: Wie ich zwischen Bananenstauden und Eimerdusche ein Stück Glauben wiederfand – Seite 2
- Wie wird eine Künstlerin eine Künstlerin? Spurensuche im Leben von Patti Smith – Seite 6
- Kurzgeschichte: „Ich weiß“, sagt Paul – Seite 12
- Gedicht: Stolen – Seite 17
- Reisereportage aus Rwanda: Der Schokoladenmann bei den Berggorillas – Seite 19
- Feral Folk Festival: „Danke, dass ihr uns unser Ding machen lasst! – Seite 26
- Kurzgeschichte: Scheint so, als wär‘ das das Leben – Seite 31
- Selbsterfahrung im Ashram: Mit dem Mopp in der Hand unterwegs zur Erleuchtung – Seite 37
- Interview: Der Pflanzenflüsterer – Wenn Gummibäume sprechen könnten – Seite 52
- Gedicht: Versuchung – Seite 55
- Reisebegegnung: Afrikanerin im Herzen – Wie ich mit Aussteigerin Petra auf Safari ging – Seite 56
